Was eigentlich ist Lesen?

Lesen ist in eine andere Welt eintauchen, sagt Martin Ebel vom Tages-Anzeiger, die Welt mit den Empfindungen, Erfahrungen, Deutungen eines Fremden erfahren. Lesen ermöglicht es, fremde Welten von innen zu erleben, mit den Augen von anderen durch fremde Kulturen, Gesellschaften oder vergangene Zeiten zu wandern.
Stimmt wohl auch, denke ich, darum macht Lesen klug.
(Martin Ebel: Die Chance, jemand anderes zu sein. In: Tages-Anzeiger, 21.6.2017, S. 29)

Mit einem fremden Drehbuch durch die eigene Welt
Doch: Ist Lesen nicht eher, die eigene Welt aus einer anderen Perspektive erleben? Mit einem fremden Drehbuch durch die eigene Welt unterwegs sein? Im Fremden das Eigene, Vergessene erkunden?
Ich lese Doris Dörrie und folge ihren Gedanken und Szenen, bin nullkommaplötzlich im Kopfkino. Sie schreibt über ihre grosse Familie, ihre Geschwister, die aussehen wie meine drei Schwestern, in deren Mitte auch ich aufgewachsen bin.
(Doris Dörrie (2019): Leben, schreiben, atmen. Eine Einladung zum Schreiben)

Schmetterlingsküsse und Krokodile
Dörrie schreibt, wie sie es als Kind hasste, wenn ihre Eltern schliefen, wenn sie mitten in der Nacht über den dunklen Flur zu ihnen tapste. Ich fürchtete die Dunkelheit auf dem Weg zum Zimmer der schlafenden Eltern und die Krokodile, die da lauerten. Ich erinnere mich auch an das ärgerliche Seufzen meiner Mutter, wenn ich sie weckte, um zu ihr unter die Decke zu schlüpfen. Nicht mit den Füssen zappeln, sagte sie. Dörrie schreibt über die Schmetterlingsküsse ihres Vaters, vor dem Einschlafen, mit den Wimpern kitzeln, erfahre ich. Dazu gibt es kein Pendant in meiner Erinnerung, ein kurzer Schmerz, ich lese weiter.

Überdimensionierte Haarschleifen, Scham
Doris Dörrie schämte sich ihrer Korrekturschuhe, niemand sonst auf der Welt musste solche Schuhe tragen. Sofort sehe ich auch die überdimensionierten Haarschleifen, weiss und hellblau, mit denen ich zur Schule musste, als der Fotograf angekündigt war. Einige Jungen kommentierten. Danach weigerte ich mich, sie ausser sonntags zu tragen. Weniger giftig, dafür langlebig war die Scham über meine Eltern, die Zugewanderte waren. Sie redeten anders, sie waren katholisch, gingen mit so viel sonntäglicher Sauberkeit auch durch den Alltag, dass ich mich in Grund und Boden schämte, als ich einmal die Flötenstunde vergass. Dörrie schreibt über die quietschenden Federn der Elternbetten, wenn diese tagsüber hochgeklappt waren und sie hinter den silbriggrünen Vorhängen Verstecken spielten. Meine Cousine und ich tobten im oberen Stock auf den Betten, wenn die Erwachsenen unten Kaffee tranken und stundenlang redeten. Wir stellten uns auf die hohe Bettkannte am Fussende und liessen uns mit Getöse in die Deckenhaufen fallen. Einmal ist ein Rahmen gebrochen, nur einmal. Wir flickten ihn mit Tesafilm. Niemand merkte es.

Doris Dörrie
So geht es weiter. Doris Dörrie ist keine gewöhnliche Autorin, sie hört schon nach wenigen Seiten auf zu erzählen und fordert die Leserin auf, die eigenen Erinnerungen aufzusuchen und darüber zu schreiben. Sie führt mich also auf den ersten Schritten des Gedankenspaziergangs zu meinen Erinnerungen. Weitere Bilder steigen in mir auf.
Doris Dörrie entstammt einer ähnlichen Schicht, wuchs im gleichen Kulturraum auf… Wie ist es mit anderen Büchern?

Fremde Welten: Paris, Banlieue
Delphine de Vigans Protagonistin in «Loyalitäten» ist Lehrerin, wie ich. Sofort sehe ich, wie ihre Gedanken um den Jungen kreisen, ein Gefühl ihr sagt, dass etwas nicht stimmt mit ihm, und dass der Schulleiter ihren Hinweisen nicht traut. Ich habe mich noch nie mit Absicht so sehr betrunken wie der 13-jährige Junge, aber Delphine de Vigan spürt mit ihrer Schilderung einen Ort in mir auf, der damals so sehr schmerzte, dass ich mir vollständige Betäubung wünschte. De Vigan schreibt einfach gut, wie Dörrie, man könnte es auch so nennen.
(Delphine de Vigan (2020): Loyalitäten)

Lesen im Deutschunterricht
16-jährige Schülerinnen und Schüler haben noch nie etwas von Isolationshaft gehört, geschweige denn psychische Foltererfahrungen gemacht. Trotzdem beschreiben einige von ihnen deren Auswirkungen im Test mit eigenen Worten und so präzis, dass klar wird sie haben etwas verstanden. Einer benennt, woran es ihn erinnert: an den Lockdown, viele von uns fühlen sich eingesperrt. Vielleicht kennt ein anderer das Gefühl des Irrewerdens in Einsamkeit? Also stellt sich die Frage, haben sie etwas Neues erlebt durch die Lektüre der Schachnovelle? Oder sind sie in der Lage, das Gelesene auf eine Art und Weise mit ihren ähnlichen eigenen Erfahrungen zu verknüpfen, dass es Sinn für sie macht? Das wäre die neuropsychologische Formulierung von Lernen an sich…
Andere können die zurückhaltende Beschreibung des Rückfalls in den Wahn, die psychische Krankheit im Text offenbar nicht entziffern. Sie verstehen nicht, warum Dr. B zu zittern beginnt, wirres Zeug zu stammelt, andere beleidigt. Sie sind noch nie von inneren Bildern so überschwemmt worden, von der Vergangenheit eingeholt und destruktiven Gedanken in Besitz genommen. Kann man also nur lesen, was man schon kennt?
(Stefan Zweig (1943): Schachnovelle)

Kunst in meinem Kopf
Es gibt eine alte Frage: Was ist das Kunstwerk – die gedruckten Worte, die Fantasie der Autorin oder der Film in meinem Kopf?
Nach der Lektüre von Doris Dörrie denke ich, Lesen ist wohl beides – das Nachvollziehen und Erleben der Fantasie der andern genauso wie die Fähigkeit, mit Schwarzgedrucktem die eigene Fantasie und Erinnerung anzuwerfen.