Julia ohne Messer

Julia ohne Messer

Kurz entschlossen nahm sie eine Woche frei und fuhr aufs Land, deckte sich mit Früchten und Käse ein und schlief am nächsten Tag bis um elf. Ein Frühstück in milder Septembersonne, Schafe von drüben beäugten sie übern Zaun. Dann las sie, drei Stunden, vier Stunden lang. Danach kletterte sie das Bachbett hoch, keuchend, verbissen, legte sich im Schatten ins Moos. Abends starrte sie ins Feuer am Kamin, nippte am Weinglas. Verzweifelt schrieb sie Nicolas, mir platzt der Schädel, komm.

Und Nicolas kam. So war das schon immer gewesen. Er war dunkelblond wie Julia, gut gebaut, hatte klassische Gesichtszüge. In der Dorfkneipe erkannte man sie nicht mehr, man hatte gegrüsst und sich wieder den Karten zugewandt. Nicolas und Julia setzten sich in ihre ehemalige Stammecke.
Willst du erzählen?
Es gibt nicht viel zu sagen, ausser dass es höllisch weh tut, Julia wandte den Kopf.
Bleibt er in Dänemark? Hat er jemanden?
Sie sagte nichts.
Er ist ein Arsch, das ist es. Hätt ich ihn letzten Herbst doch verlassen. Weisst du, wer unsere Reise nach Südafrika gezahlt hat? Er. Zu unserem sechsten Jahrestag, haha. Nun will er alles Mögliche, die zwei Bilder von Antoine, unsere ganze Musik-Sammlung, den Esstisch, die Alavaro-Lampe. Die beiden Sessel überlässt er grosszügig mir. Wie hab ich mich nur so täuschen können?
Nicolas schwieg.

Lass uns nachher etwas joggen gehen.
Julia nickte.
Die Luft war frisch, kein Mensch unterwegs. Auf dem Grat gab es Weite und den See, sie liefen nebeneinander her, liessen den Blick über das Land schweifen. Über dem Untersee zogen dunkle Wolken auf.
Es war fast dunkel, als sie zurückkamen.
Nicolas zögerte einen Moment, als Julia in Slip und BH das Bad freigab.

Abends brieten sie Lammkoteletten aus dem Dorf im Kamin. Ein feiner Landregen begann leise aufs Dach zu trommeln. Zwei Gläser Wein besänftigten Julia.
Endlich fragte sie nach Debbie, der Firma, den Kindern. Und Nicolas begann zu erzählen, sie vergassen Julias Katastrophe, wurden mit dem vierten Glas Wein endlich fröhlich.

Nachts erwachte Julia, weil es stürmte. Eine Weile hörte sie zu. Nicht alle Laute konnte sie einordnen. Sie stieg aus dem Bett und ging den Geräuschen nach. In der Küche und im Anbau tropfte Wasser von der Decke. Das alte Dach war beschädigt. Mutter, schon etwas älter, hatte sich noch nie um Reparaturen gekümmert und von ihnen hatte es auch keiner an die Hand genommen. Julia weckte Nicolas, sie stellten Kessel und Waschbecken unter das Tropfen, beratschlagten eine Weile und gingen wieder schlafen. Julia schlüpfte zu Nicolas ins Elternbett. Sie fröstelte, schmiegte sich an. Als Nicolas sich wegdrehen will, um weiter zu schlafen, hält sie ihn fest, sehr fest. Etwas erstaunt hält er sie im Arm, lässt es geschehen, dass sie sich in seine Armbeuge vergräbt, er fühlt ihre kleine kalte Nase, na komm schon, wird nicht immer so schlimm bleiben, flüstert er und wiegt sie. Ihre Haut ist vertraut, ihre Taille geschmeidig. Wie oft haben sie als Kinder zusammen gelegen, sich Geschichten erzählt, wenn die Eltern sich stritten im Nebenzimmer. Aber etwas geschieht schneller mit ihnen, als sie denken können. Julia rutscht auf seinen Bauch, legt ihre Wange auf seine Brust, vergräbt sich in seiner anderen Armbeuge, pustet hinein. Bald sind sie nicht nur halbnackt, sondern nackt. Ihre Haut auf seiner. Das Begehren überkommt sie, heftig, süss, sie kennen sich und doch nicht. Als Mutter mit dem Messer auf ihn losging, zog er aus, später weg von ihnen in eine andere Stadt. Da ist es schon vorbei, Nicolas dreht sich weg und tut, als ob er schläft.

Sie schlafen lang und erwachen, als die Sonne ins Zimmer scheint, die Wiesen nassglänzend draussen auf sie warten, die Schafe blökend weiter gezogen sind. Nicolas hat Debbie versprochen, bis zum Mittag zurück zu sein. Es bleibt ihnen also gar nicht viel Zeit.
Er ist mürrisch, vielleicht wegen des Alkohols, gibt Julia Anweisungen, im Nachbardorf ist ein Werkzeugladen, dort soll sie einen Zimmermann zu finden versuchen, den Auftrag geben, den Schlüssel hinterlegen, baldigen Rückruf verlangen.

Du scherst dich sonst auch nicht darum, was erlaubt ist und was nicht. Aber ich bereue es, Debbies wegen, sagt er, als er ins Auto steigt, es fühlt sich an, wie wenn ich sie betrogen hätte.
Red keinen Quatsch, fährt Julia ihn an, doch dann weiss sie nicht weiter. Braucht ja keiner was davon zu erfahren, brummt sie.
Nicolas schliesst die Tür, wirft ihr einen letzten Blick zu, gibt Gas.

Nachdem sie noch ein paar Mal miteinander essen gegangen sind, Debbie hat Verständnis und sie besprechen Julias Trennung, Julias Karriere an der hiesigen Universität, Nicolas‘ Firma und so weiter, bleibt Julias Regel aus.
Auch die Abtreibung tut höllisch weh.