Seidenmuster

Gabrielle stand auf Seide. Lucia wusste davon, sie sandte ihr deshalb die Ankündigung des Sonderverkaufs Seidenstoffe in der benachbarten Krawatten- und Hemdenfabrik weiter. „Wie wär’s mit einem Kaffee danach?“, ergänzte sie, aber Gabrielle gab keine Antwort. Lucia fand sie eine Stunde nach Türöffnung schon bei den Stoffen auf den Wühltischen. Leicht entrückt streckte ihr Gabrielle vier, fünf Stoffrollen entgegen, Lucia warf einen Blick darauf. Gabrielle hatte eine Vorliebe für Kleingemustertes, Karo, sogar Blümchen waren darunter, Lucia schüttelte den Kopf, „was willst du bloss damit?“ Gabrielle hatte ein seltsames Hochgefühl erfasst, schöner Stoff war unwiderstehlich, besser als Süssigkeiten, besser als der beste Flirt. Schöne Stoffe waren Sehnsucht und Hoffnung, waren Gier und platonische Liebe. Hier gab es alle Lieblingsfarben der letzten drei Lebensphasen, Muster, die man brennend gern selbst entworfen hätte, es waren Stoffe, die weich über die Hand flossen, im fahlen Licht schimmerten, die riefen, „Ich bin der Schönste, schau mich an“. In drei Meter hohen Gestellen stapelten sich die Stoffrollen, die halbmetergrossen Abteile halb gefüllt, locker nach Farben und Formen geordnet. Eine halbe Turnhalle, eine Fülle, die überwältigte. Es war still unter den anwesenden gut dreissig Frauen, nur die Kassiererin, eine giftige Mittfünfzigerin, war von Zeit zu Zeit zu hören. Lucia wählte eine grosszügig gemusterte, ockerfarbene Seide mit Ultramarin für ein einfaches Nachthemd sowie etwas Foulard auf Vorrat, zum Zeit Totschlagen oder Verschenken. Sie küsste Gabrielle, die unschlüssig drei orangene Stoffe hin und her schob, und verliess die Halle.

Gabrielle liess Oliven und Käse auf der Anrichte liegen, sagte eine Verabredung ab und zog einen Stoff nach dem anderen aus der Tasche, liess ihn über ihre Hände gleiten, sah im Geist die Bluse, die Tasche, den Schal. Dann zog sie die Buffetschublade mit ihren Schnittmustern auf. Mutters Bluse hatte sie schon dreimal verwendet, sie betrachtete die Änderungen, inklusive Datum, und alle ihre selbst gezeichneten Muster. Ein einziges Mal hatte sie einen Nähkurs besucht und ein paar Kniffe gelernt. Den Badeanzug hatte sie ein paar Jahre lang getragen und Komplimente erhalten. Erst nach und nach hatte sie realisiert, dass durch den nassen Stoff alles zu sehen war, selbst das Schamhaar. Sie nahm auch das Muster der Höschen in die Hand, eine Zeitlang hatte sie für sich selbst und Freundinnen Slips genäht. Ein gewagtes Geburtstagsgeschenk, eine hatte es betreten weggesteckt, eine andere hatte den Slip sofort über ihre Jeans gezogen und mit dem Hintern gewackelt. Das waren Zeiten gewesen. Gabrielle tauchte ab. Sie würde eine Hose machen, eine Pluderhose, das war’s. Obwohl das kein Mensch trug. Sie musste weit sein, bequem, würde viel Stoff brauchen, unten weiter werden, sehr weit und um die Knöchel zusammengerafft, wie ein Sultan. Sie würde zwei Stoffe übereinander nehmen, ein einziger Seidenstoff war leicht, fast durchsichtig. Ein zweiter Stoff würde sich über dem  ersten bewegen und neue Muster entfalten. Sie überprüfte, wie leicht die beiden Stoffe, die sie im Auge hatte, übereinander glitten. Gottseidank hatte sie so viel gekauft, entgegen Lucias missbilligenden Blicken. Sie surfte eine halbe Stunde nach einem passenden Schnittmuster, begnügte sich schliesslich mit einer Leinenhose, die Lucia einmal für sie gemacht hatte. Sie mass ihren Hüftumfang, gab zehn Zentimeter dazu, sonst würde die Seide bei der ersten Bewegung zerreissen. Sie wollte keinen Ballon um die Hüfte, alle Internetanleitungen liefen darauf hinaus, sondern zwei um die Knöchel. Gabrielle zeichnete, schnitt, steckte fest, die Seide glitt immer wieder weg. Mehrmals ging sie das Zusammennähen im Kopf durch, ein Fehler war unverzeihlich, Seidennähte liessen sich nicht wieder lösen, nur wegschneiden. Sie fluchte, sie war Biogärtnerin und Geschäftsführerin, nicht Schneiderin.

Erst beim dritten Mal Klingeln öffnete Gabrielle die Tür, es war halb zwölf. „Kann ich reinkommen? Ich habe Licht gesehen bei dir“, sagte Lucia. Gabrielle nickte, manchmal fühlte sie sich von Lucia beobachtet. Diese ging an ihr vorbei in die kleine Küche. „Was machst du? Hast du ein Glas Wein für mich?“, Lucia setzte sich, „ah, du nähst. Gleich angefangen heute Mittag? Was wird es? Du, ich war an der Abschlussfeier der beiden Französischklassen. Einige waren sehr nett, schau mal, was sie mir geschenkt haben.“ Lucia nestelte in ihrer Tasche. Als Gabrielle nichts sagte, sah sie auf. Gabrielle schüttelte sich und öffnete dann den Kasten, um Weingläser herauszunehmen. „Ist vielleicht ganz gut, eine Pause zu machen“, gähnte sie, „willst du sehen?“ Sie drehte sich um Richtung Wohnzimmer, gähnte ein zweites Mal und fischte dann Oliven und Feta aus dem Kühlschrank, fand etwas Fladenbrot und Wein. „Hast du noch nichts gegessen?“, wunderte sich Lucia. „Bist du meine Mutter?“ Gabrielle grinste Lucia endlich an. „Frisch vom Markt. Bevor ich abgetaucht bin. Was gibt’s?“ Gabrielle langte nach einer grossen, unförmigen Tomate im Kühlschrank, „meine neue Züchtung“, sagte sie stolz, schnitt und schob sie auf den Tisch vor Lucia. „Ich mag keine Tomaten. Hast das vergessen?“, empört schob Lucia sie wieder weg. Sie suchte plötzlich nach Worten. „Ach, es ist kein persönliches Geschenk. Fällt mir erst jetzt auf.“ Wie viele Klassen hatte sie schon verabschiedet in all den Jahren. Dreissig? Vierzig? Wie viele Schülerinnen und Schüler das waren, mochte sie nicht mehr nachrechnen. Vor Jahren einmal war sie erschrocken, es waren Hunderte gewesen, schon damals und ohne Freifächer. Ab und zu traf sie ehemalige, manche wollten erzählen, manche blickten weg. Sie brachte ihnen französische und spanische Grammatik bei, verbrachte ihre Ferien abwechslungsweise in Frankreich, Spanien und Südamerika. Jeden pubertären Ausbruch hatte sie schon einmal erlebt, jede noch so abwegige Grammatikfrage war schon einmal gestellt worden. Seit die Eltern immer jünger wurden, hatte sie auch vor diesen die Angst verloren, auch wenn sie Anwalt oder Manager waren. Sie gab Acht, keinen Mundgeruch zu haben, gut oder zumindest passabel angezogen zu sein, nicht allzu markige Macken zu entwickeln. Früher hatten sich Schüler manchmal über ältere Kollegen beklagt, eine roch nach Zigaretten, ein anderer nach Kaffee, ein dritter war so schwerhörig, dass während der Prüfung alle die Ergebnisse austauschten. Der Kollege hatte nichts davon hören wollen. Alle paar Jahre kam etwas Neues auf, das den Unterricht störte. Mit den Handys, hatte man geglaubt, gehe die Welt unter, weil ständig eines während der Stunde klingelte. Dann kam Facebook und alle Welt jammerte über die verlorene Konzentrationsfähigkeit der Jugend. Bald würden die Schülerinnen und Schüler unisono die Richtigkeit ihrer Grammatikanweisungen oder der Lehrmittel in Zweifel ziehen, da ihnen die Fähigkeit abhanden kam, zwischen lektorierter Information und selbsternannten Professoren im Internet zu unterscheiden. Aber auch das würde sich geben. Im Moment, wo sich eine neue Technologie, neue Kommunikationsformen in der Gesellschaft ausbreitete, beeinflusste es den Unterricht. Doch spätestens nach zwei Jahren würde man den Umgang damit gefunden haben, ausser ein paar Nörglern natürlich, die es in jedem Lehrerzimmer gab. Ein paar Regeln musste man durchsetzen und man musste die jungen Leute mögen. Ohne ging es nicht, irgendwann hatte sie es verstanden. Seither hatte sie Ruhe im Zimmer. Die Jungs benahmen sich zum grossen Teil anständig, die Mädels lackierten ihre Nägel anderswo. Und sie starb nicht vor Langeweile.

„Na, was ist jetzt? Warum kreuzt du mitten in der Nacht auf?“, holte Gabrielle sie zurück, „wegen des siebten Geschenkgutscheins?“ „Ich mochte nicht allein nach Hause“, gestand Lucia. „Hast du dich noch immer nicht daran gewöhnt? Irgendwann gehen die Männer halt, nicht wahr? Aus dem einen oder anderen Grund. Nicht wahr?“, linste Gabrielle argwöhnisch. Nicht immer kam sie beim Nähen auf schöne Gedanken, manchmal grübelte sie. „Komm nicht wieder darauf zurück, Gabrielle. Das ist zwanzig Jahre her. Ich war dumm, wirklich.“ „Fünf, um genau zu sein. Fünf Jahre und drei Monate. Es war Frühling, ich merkte es erst im Herbst. Wie hast du das eigentlich ausgehalten, mich anzulügen?“ „Ich habe dich nicht angelogen, Gabrielle, ich habe es verschwiegen. Du hast ihn sowieso nicht mehr geliebt, hast du mir selber erzählt.“ „Toller Trost. Naja, immerhin hat er es mit mir zwölf Jahre ausgehalten, mit dir nur drei.“ „Hör auf, gemein zu sein, Gabrielle.“ „Dann sag, was du willst. Sonst geh ich wieder an die Arbeit, die Pause ist um.“ Gabrielle verkorkte die Flasche und stand auf. „Wann genau hast du eigentlich ein Auge auf ihn geworfen?“ „Das hab ich nun davon“, Lucia verdrehte die Augen, „man soll sich nicht mit dem Lover anderer Leute einlassen.“ „Ein paar Fragen musst du dir schon gefallen lassen, wenn du mir den Mann ausspannst.“ „Du bist streitsüchtig. Nähen tut dir nicht gut. Er war schon auf Wohnungssuche.“ „Und was war mit meiner Vespa? Hm? Liebe Lucia, soll ich dir mal was sagen? Du konntest dir Sachen leisten, für die wär ich gelyncht worden.“ „Das bildest du dir ein, Gabrielle. Alte Geschichten, die Vespa habe ich dir so gut wie bezahlt. Mein Gott, ich war gerade zurück von meiner Weltreise und hatte wenig Geld.“ „Aber Sachen ausleihen, bis sie kaputt gehen. Nicht wahr? Du bist immer Papas Liebling geblieben. Die Zweitgeborene, die sich hochstrampelt, die alles kriegt und nie zufrieden ist. Du nervst manchmal, weisst du das?“ „Aber du hattest Mama, die hat dich verteidigt“, begehrte Lucia auf, „alles war interessant und super, was du gemacht hast. Bei mir selbstverständlich.“ Pause. „Weisst du noch, wie du mir manchmal in den Teller gerotzt hast? Ich wär ja fast umgekommen deinetwegen.“ „Das reicht, Lucia. Du hast getrunken. Geh nach Hause, schlafen.“ „Du kannst mich nicht einfach hinauswerfen. Ich bin wegen deiner kaputten Bremsen fast umgekommen. Weil du immer so geizig bist. So war das, Gabrielle.“ „Lucia, ich verdiene knapp die Hälfte von dir und schufte bis zum Umfallen, ich führe ein Geschäft, habe drei Angestellte, fast eine halbe Million Umsatz. Du hattest die Frechheit mit meinem Mann an das Familientreffen zu kommen, jeder wusste das. Das war gemein, das war es. Wie, meinst du, hab ich mich gefühlt?“ „Ach Gott, Gabrielle, ich mich doch auch nicht. Ich krieg ‘s einfach nicht auf die Reihe privat. Yves ist dann auch noch zu dir gezogen. Erinnerst du dich? Pubertät erst grad hinter sich und weg ist er. Luftlinie dreihundert Meter. Irgendwie verstand ich ihn ja.“ „Machen wir jetzt den Totalaufwasch, die Vergangenheit in fünf Minuten oder was?“ „Du hast angefangen. Mir soll’s recht sein. Darf ich bei dir übernachten, Gabrielle?“ „Und was ist, wenn uns mitten in der Nacht wieder das Streiten überkommt?“, Gabrielle zögerte. „In meinem Bett?“ „Ist doch gross genug, Mensch. Schläft ja kein Mann mehr drin.“ „Nein, wahrlich. Seit Rainer zu dir gekrochen ist.“ „Nun fang nicht wieder damit an,“ Lucia gähnte ihrerseits, „bist du fertig mit Nähen?“ „Gerade erst angefangen. Morgen um acht geht’s weiter, ich freu mich schon“, Gabrielle kramte im Bad nach einer Zahnbürste, drückte Lucia ein kleines Frotteetuch in die Hand, „das sollte reichen. Bedien‘ dich an meiner Creme.“ Dann verschwand sie ins Klo.

Lucia holte sich ein Kissen vom Sofa und ein T-Shirt aus dem Schrank. Als sie eingekuschelt neben Gabrielle lag, meinte sie: „Passiert eigentlich noch etwas Aufregendes in unserem Leben, Gabrielle? Ich meine, wir verlieben uns nicht mehr, es gibt keine Heirat, keine Geburten mehr, keine Abtreibungen, keine Trennungen. Yves ist gross und weg, unsere Eltern tot. Den Beruf wechseln werd‘ ich nicht, Krankheiten verschonen uns hoffentlich auch noch ‚ne Weile. Vier Wochen in Argentinien sind okay, aber ich richte sie so ein, dass mit Garantie nichts schiefgeht. Was bleibt?“ „Wünschst du dir im Ernst das Chaos zurück, Lucia? Erinnerst du dich, wie überfordert du oft warst? Schlaf gut, meine Liebe.“ Gabrielle zupfte ihr Kissen zurecht und drehte sich auf den Bauch.

Gabrielle meinte, erst gerade eingeschlafen zu sein, als das Telefon klingelte. Ob sie die Mutter von Yves Seller sei. Worum es denn gehe, er habe bis vor einem Jahr bei ihr gewohnt. Ihre Telefonnummer sei in seinem Handy unter Zuhause vermerkt, Yves sei auf der Intensivstation des städtischen Spitals in Sofia. In Bulgarien? Ein Unfall mit dem Motorrad? Gabrielles Hand begann zu zittern. Er sei ein Freund von Yves, sie seien seit zwei Wochen zusammen unterwegs. Yves sei in einer Kurve von der Strasse abgekommen, vermutlich abgelenkt durch ein entgegenkommendes Fahrzeug, welches übrigens übersetzt gefahren sei, seiner Ansicht nach. Das sei auf dem Land ausserhalb von Sofia passiert. Es habe dann gedauert, bis die Ambulanz gekommen sei. Ob sie kommen könne. Yves sei schwer verletzt. „Ich bin seine Tante, warten Sie, ich hole seine Mutter, sie ist hier.“ Lucia wollte nicht wach werden. Dann sprang sie aus dem Bett. Gabrielle klappte den Laptop auf und suchte einen Flug nach Sofia. In der Küche begann sie Picknick zusammen zu suchen, „das wirst du brauchen. Es ist halb fünf Uhr morgens.“ „Kommst du denn nicht mit?“ bat Lucia. „Du hast noch ein paar Tage Sommerferien, ich nicht. Ich kann den Laden nicht stehen lassen, es ist Hochsaison, wir brauchen jede Hand. Und ausserdem bin ich nicht seine Mutter“, murmelte sie. „Bitte“, sagte Lucia. Gabrielle sah sie an, überlegte, nickte. Dann begann sie die Seide wegräumen.