Louise ohne Nase

Eines Abends, als sie sich gewaschen und eingecremt hatte, suchte sie im Spiegel ihr Gesicht ab. Irgendetwas war anders, aber sie konnte nicht erkennen, was. Die Fältchen unter den Augen waren da, die Stirnfalten über den Augenbrauen. Ihre Lippen noch leidlich voll, am rechten Schneidezahn fehlte ein winziges Stückchen. Ihre Augenbrauen wurden nicht dichter, gewiss nicht, ein längeres Haar zupfte sie aus, Bote des Alters. Einzelne Falten am Hals. Sie besah ihre Hände, braune Altersflecken erinnerten an die Großmutter. Sie suchte erneut in ihrem Gesicht. Endlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Wo ihre Nase sein sollte, ihr schmaler Haken, war nichts mehr. Ein blinder Fleck, der Blick glitt ab, blieb wieder bei Falten und Härchen hängen, irgendwie unauffällig. Sie sah nicht anders aus und doch fehlte ihre Nase. Vermutlich war sie den ganzen Tag so unterwegs gewesen und niemand hatte etwas gesagt.

Morgens hatte es geregnet, sie war noch einmal umgekehrt, um einen Schirm zu holen. In der Straßenbahn roch es nach nassen Kleidern. Ältere Migrantinnen, junge Männer in Anzug und Notebooktaschen, man war gut gebildet, urban und nutzte den ÖV. Kein einziges Augenpaar hatte ihren Blick erwidert, einige streiften sie kurz oder sahen durch sie hindurch, kein Kind hatte auf sie gezeigt. Um zehn hatte sie das Mitarbeitergespräch bei ihrem Chef gehabt, er war professionell freundlich gewesen wie immer, blätterte die Unterlagen durch, hakte ein paar ihrer Leistungen ab, wies sie auf den einen oder anderen Fehler hin, verdankte ihren Einsatz. Er fragte, ob sie auch mit weniger Geld auskommen würde, man wollte ihr 80-%-Pensum auf 70-Prozent kürzen. Louise war einundfünfzig, gesund, ihr Sohn war vor drei Jahren erst ausgezogen. Sie hatte sich in ihrem Arbeitsleben leidlich weitergebildet, warum sie und nicht ihr acht Jahre jüngere Kollegin? Vor einem Jahr hatte sie um abwechslungsreichere Aufgaben gebeten. Man hatte genickt, sich etwas notiert, geändert hatte sich nichts. Sie saß fest.

Nach Arbeitsschluss wanderte sie ziellos durch die Stadt. Einmal mehr ging sie in die Kunsthalle, sie hatte sich ein Jahresabo geleistet. Inzwischen kannte sie ihre Lieblingsbilder. Stumm tauchte sie ein, überließ sich ihren Gefühlen. Manche Bilder erzeugten Wehmut, manche Erinnerungen, alles war ihr willkommen. Sie war unter Menschen, ohne reden zu müssen. Niemand achtete auf sie. Von ihren Freundinnen hatte keine Zeit, so ging sie nach Hause. Am Abend klingelte eine neue Mieterin bei ihr und fragte sie nach den Gewohnheiten in der Waschküche. Louise, froh um die Abwechslung, ging mit ihr ins Untergeschoss. Die Frau war zwanzig Jahre jünger als sie, freundlich verabschiedeten sie sich von einander.

Sie war wieder hochgestiegen in ihre Wohnung, hatte trockene Wäsche zusammen gefaltet, noch etwas ferngesehen.

Nun stand sie vor dem Spiegel und wusste nicht, was werden sollte.

Louise schlief lange und traumlos. Als sie erwachte, kam die Erinnerung, irgendetwas war schief in ihrem Leben. Sie war über Tag ganz anders geworden und keiner hatte es bemerkt.

Es regnete immer noch und es war Markttag. Louise packte ihre Dinge in sieben Tüten, und weil es kühl war, wickelte sie sich in einen dicken Schal.

Nur wenige stellten bei diesem Wetter ihren Stand auf. Louise grüßte sie aus der Entfernung. Sie hatte einen alten Sonnenschirm mitgebracht, stellte ihren Strandstuhl darunter und stapelte die Dinge auf einer Plastikfolie zum Verkauf. Es dauerte über eine Stunde, bis sie eine erste Vase verkaufte, sie fror. Morgens kamen die Profis, die die Stände nach Antiquitäten abklapperten. Louise kannte sie, den hohen Gewinn, den sie beim Wiederverkauf machen würden, gönnte sie ihnen nicht. Gegen halb zehn hellte das Wetter auf und der Platz füllte sich, Louise bereute, dass sie nicht all ihren Plunder mitgeschleppt hatte. Die Menschen öffneten ihre Jacken, Louise schob versuchsweise ihren Schal herunter, während sie über einen Preis verhandelte. Es geschah nichts. Ob sie sich geirrt hatte? Während sie sich mit einer jungen Frau über das Alter eines Kaffeekännchens unterhielt, fiel ihr eine Frau auf, die etwa zwanzig Meter entfernt einen Kleiderständer durchsuchte. Louise durchzuckte es, der Frau fehlte die Nase. Sie trug ein auffallendes, rotes Kleid und die grauen Haare hochgesteckt. Ihr junger Liebhaber begleitete sie, oder war es ihr Sohn, und sie lachte schrill auf. Hatte sie etwas mit ihr gemeinsam? Louise starrte hin, es war nicht zu übersehen, die Frau hatte keine Nase. Dann war sie weg. Die junge Frau mit dem Kaffeekännchen auch. Louise fluchte, das passierte ihr selten. Eine halbe Stunde später entdeckte sie eine weitere Frau, zurückhaltend gekleidet, mit ihrem Enkelkind die Stände absuchend. Ohne Nase, Louise hätte es beinahe übersehen. Und dann noch eine, eine Verkäuferin wie sie, untersetzt, misstrauisch, Neuling auf dem Platz. Keiner reagierte.

Einige Zeit später hörte sie Gabys Hündchen kläffen, kurz darauf tauchte die Freundin selber auf, sich mit ihrem Tierchen auf dem Arm durchs Gedränge schiebend. Gaby wohnte während der Sommermonate praktisch in ihrem Schrebergarten, und weil sie Freunde einladen wollte, suchte sie neues Besteck. Louise hatte nur Silberzeug. Weil Gaby versprach, dass Louise es am Ende des Abends gleich wieder mitnehmen konnte, überließ sie ihr eine ganze Garnitur. Gaby bedankte sich überschwänglich mit Küsschen links und rechts, ohne leiseste Irritation. Auf Louises Frage, ob sie keine Veränderung an ihr bemerke, lachte Gaby, deine Haare werden immer grauer, und zog von dannen.

Louise holte sich ein Würstchen, traf in der Warteschlange auf eine Frau, mit der sie einst zur Schule gegangen war. Sie waren sich nie sonderlich sympathisch gewesen, aber auch dieser Frau fehlte die Nase. Kurzentschlossen sprach sie ihre ehemalige Schulkollegin darauf an, worauf diese in Empörung ausbrach und sie als schon immer durchgedreht bezeichnete. Zurück an ihrem Stand entdeckte sie in der Menge alle paar Minuten Frauen ohne Nase, mit Spuren im Gesicht und nicht mehr jungem Körper. Einer Frau fehlte sogar das Ohrläppchen. Unauffällig sah Louise genauer hin. Die Frau musterte ein Kleidungsstück nach dem andern, allesamt bunte Stücke. Ihre kurzen kräftigen Haare verdeckten die Ohren, Louise reckte sich, um zu sehen, ob die Ohrmuscheln noch da waren, sicher war nur, dass der Hautlappen unter dem Ohrloch fehlte. Und auch die Nase. Die Frau wirkte etwas traurig und in sich gekehrt, aber ansonsten wohlauf. Schließlich verließ sie den Stand, ohne etwas gekauft zu haben. Louise griff sich unwillkürlich an ihre Ohren, fühlte den Knorpel der Ohrmuschel, war erleichtert. Aber die Ohrläppchen, waren sie nicht grösser gewesen? Da war ja kaum Platz für Ohrklipse.

Louise trug sowieso kaum mehr Ohrschmuck.

Sie strich sich mit den Fingern über Wangen und Kiefer, vertraute Haut. Einmal nickte ihr eine Frau unmerklich zu und fuhr sich mit den Fingern übers Gesicht. Louise nickte zurück. Louise strich ihre Haare hinter die Ohren zurück, aber sie fielen ihr immer wieder ins Gesicht. Macht nichts, dachte Louise, war sowieso eine dumme Angewohnheit.

Am Abend fuhr sie zu den Schrebergärten am Rand der Stadt. Es war eine lustige Runde, ein gutes Dutzend, mehrheitlich Frauen in ihrem Alter, einige ohne und einige mit Nase, Gaby, eine der Jüngeren, gehörte zu letzteren, außerdem einige Männer, angetraute oder liierte. Drei der fünf Nasenlosen hatten ihren Defekt schon bemerkt. Man gab sich ein Zeichen, unauffällig, nebenbei. Du auch, war das Einzige, was eine flüsterte, das reichte schon, eine andere fragte nach, sie wechselten sofort zu den Vor- und Nachteilen gefärbter Haare, Louise fand schon zwei Millimeter nachwachsendes Grau unerträglich. Zweien fehlte auch das Ohrläppchen, einer die ganze Ohrmuschel, Franza war es, die mit Gaby und Louise seit Jahren befreundet war. Louise rückte einen Millimeter von ihr ab. Was vom Ohr übrigblieb, sah nicht schön aus, etwas nackt. Nicht abstoßend, nicht wie bei durch Unfälle Entstellten, sondern leer und etwas langweilig. Louise trank über ihren Durst, sie lachten viel und redeten Blödsinn.

Am nächsten Tag blieb Louise lange liegen, es war Sonntag. Sie holte sich Zeitschriften und einen Kaffee ins Bett. Ihr Sohn rief an und entschuldigte sich dafür, dass er nicht bei ihr vorbeischaute. Louise hörte sein schlechtes Gewissen, sie hatte ihn seit sechs Wochen nicht gesehen, erzählte ihm, dass sie am Abend fürs Theater verabredet sei und er sich keine Sorgen zu machen brauche. Als sie umblätterte, fiel ihr auf, dass sie links nur noch vier Finger hatte. Daumen, Zeigefinger und zwei weitere Finger. Der Ringfinger sah aus wie der Mittelfinger, oder umgekehrt? Welcher Finger genau fehlte, konnte sie beim besten Willen nicht erkennen. Natürlich brauchte man links nicht fünf Finger, vier reichten vollends, wahrscheinlich sogar drei, trotzdem sorgte sich Louise. Wie würde das weitergehen?

Als sie sich den nächsten Kaffee machte, bemerkte sie das Gleiche an der rechten Hand, aber das war ja nun zu erwarten gewesen. Der Haushalt ließ sich problemlos mit acht Fingern erledigen. Geld zählen und Sachen schleppen auch. Ob sie ihren Hausarzt aufsuchen sollte? Der würde sie zum Psychiater schicken. Am Nachmittag, den sie im botanischen Garten verbrachte, geschah nichts weiter. War‘s das, fragte sie sich.

Aber am Wochenende darauf entdeckte sie, dass sie keine Brüste mehr hatte. Stattdessen glatte, unbehaarte Haut, die Rippen waren spürbar, der Bauchnabel war auch gleich weg. Louise staunte. Über Tag. Oder über Nacht? An ihren Brüsten hatte ihr nicht mehr viel gelegen, vorbei waren die Zeiten, wo sie jung und prall gewesen waren. Vorbei die Zeiten, als Männer ihnen so viel Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Vorbei, ach, Jahrzehnte her, als sie sich mit den Brustwarzen spielend einen Orgasmus hatte verschaffen können. Sie hatte sie gut eingepackt, schließlich vergessen. Nun waren sie weg. Und alle Haare auch. Nicht, dass sie es sich gewünscht hätte, aber auf Körperhaare konnte man nun wirklich verzichten, besonders unter den Armen. Nur noch nackte, trockene, bleiche Haut. Louise löschte das Licht, zog sich aus und stellte sich vor ihren größten Spiegel in ihrem Wohnzimmer. Kaltes Laternenlicht fiel durch die Fenster. Sie fröstelte. Als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, untersuchte sie ihr Spiegelbild. Ein leichter Schimmer umgab ihren hellen Körper. Louise schaute genauer hin, ihr Spiegelbild wirkte durchlässig, transparent. Fasziniert starrte sie hin. Tatsächlich konnte sie ganz schwach die Tischlampe hinter ihrem Brustkorb erkennen.

Hastig raffte sie ihre Kleider am Boden zusammen, ging ins Bad, machte Licht und zog sich an. Entschlossen schaltete sie den Fernseher ein, holte einen Roman, den sie seit Ewigkeiten im Warteregal neben dem Bett stehen hatte, und begann zu lesen, schaltete den Fernseher aus, legte Musik auf, machte sie leiser. Sie zündete eine Kerze an, machte Licht in der ganzen Wohnung. Dann begann sie das Buch zum zweiten Mal, holte sich eine Packung Kekse dazu, setzte sich in den Schneidersitz, wechselte auf die Seite, holte sich, müde geworden, ein Bier, wechselte auf die andere Seite, fand allmählich Gefallen am Buch. Als ihr die Augen zufielen, erhob sie sich und wankte ins Bad. Die Nacht würde kurz werden, in fünf Stunden klingelte der Wecker. Schließlich fiel sie in traumlosen Schlaf.

Mit geschwollenen Augenlidern und  großem Durst quälte Louise sich am nächsten Morgen aus dem Bett. In der Firma stürzte sie sich auf die Arbeit, während der Kaffeepause kümmerte sie sich um eine neue Arbeitskollegin. In der Mittagspause eilte sie in die Innenstadt, um ihrer Bekannten, mit der sie sich fürs Theater am Abend verabredet hatte, noch ein weiteres Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Abends nach Arbeitsschluss fuhr sie in ihr Lieblingskleidergeschäft, um sich etwas Neues für die Theatervorstellung zu kaufen. Als sie schließlich nicht umhin konnte, doch nach Hause zu gehen, hatte sie noch knapp eine Stunde Zeit; sie würde etwas essen und sich zu Recht machen. Nach einer halben Stunde rief ihre Bekannte an, sie hatte Brechdurchfall, vom Kuchenessen? meinte Louise. So kurzfristig würde sie keinen Ersatz finden. Louise versprach an der Kasse zu fragen, ob sie das Ticket zurück geben könne.

Die Frau an der Kasse schüttelte wortlos den Kopf und nickte dem Nächsten in der Reihe zu. Allein und etwas entmutigt begab sich Louise zu ihrem nummerierten Platz auf dem Parkett links in der Mitte der Reihe. Kurz vor Beginn der Vorstellung quetschte sich jemand durch ihre Reihe, eine jüngere Frau mit ihrem Mann, und setzte sich auch auf diesen Platz. Da wo Louise schon saß. Unangenehm berührt versuchte Louise zur Seite zu rücken, aber es wurde dunkel, laute Musik eröffnete die Vorstellung. Erst war es interessant. Doch dann begann die junge Frau mit ihrem Mann zu tuscheln, außerdem stank sie leicht nach Knoblauch. Das nervte nun wirklich. Louise mochte, ohne prüde erscheinen zu wollen, doch etwas mehr Abstand zu den Mitmenschen. In der Pause verließ die Frau den Platz laut mit ihrem Mann redend. Louise atmete auf, vielleicht kam sie nicht zurück, immerhin hatte sie ihre Tasche mitgenommen.

 

Abgesehen davon, dass Louise am darauf folgenden Dienstag beim Metzger im Supermarkt geschlagene acht Minuten, oder anders gesagt, vier andere Kunden lang nicht bedient wurde, geschah nichts weiter. Sie musste manchmal etwas zur Seite rücken, manchmal lauter reden. Und sie fror etwas häufiger, aber das schob sie auf die Jahreszeit und ihr Alter. Einmal, im Hallenbad, betrat sie aus Versehen die Männertoilette. Sie bemerkte den Irrtum schneller als die beiden händewaschenden Männer, aber das erstaunte nicht, schließlich roch es deutlich anders als auf Frauenklos. Als es ihr das zweite Mal passierte, dass sich jemand auf ihren Platz setzte, diesmal war es im Kino bei nicht nummerierten Plätzen, beschloss sie, auf Kino zu verzichten. Und als sie beim Einkaufen im Stadtzentrum zum dritten Mal nicht bedient wurde, beschloss sie, nur noch in den Supermarkt um die Ecke zu gehen, schließlich hatte der ein Sortiment, das Groß genug war. Geschah das anderen auch? An den Füssen hatte sie mittlerweile nur noch je drei Zehen, allerdings recht große. Für ihre Füße hatte Louise nie viel übrig gehabt. Sie schmerzten, wenn man sie mit Absätzen zu sehr beanspruchte und brauchten von Zeit zu Zeit etwas Hornhautpflege. Immerhin hatte sie an den Händen noch je vier Finger.

 

Wirklich durcheinander brachte es sie, als eines Samstagmorgens ohne Klingeln an ihrer Wohnungstür der Schlüssel gesteckt, umgedreht und die Tür aufgestoßen wurde. Eine junge Frau mit zwei riesigen Kartonschachteln kam herein und setzte diese, ohne Louise eines Blickes zu würdigen, im Flur ab. Sie ließ die Tür offen stehen und rief im Treppenhaus nach einer Lena. Louise schloss die Tür und wartete ab. Eine Minute später wurde die Tür abermals aufgemacht und eine andere Frau, offensichtlich Lena, betrat die Wohnung. Sie warf einen Blick in den Flur und setzte ihrerseits drei Schachteln neben die ersten ab. So ging es weiter, Louise fasste sich ein Herz und redete die beiden Frauen an, die sich nach sechs Gängen in der Küche einen Kaffee kochten. Sie benutzten den denselben italienischen Kaffeekocher wie Louise, die Frau, die Lena hieß, klaubte dazu zwei Plastikbecher und etwas Kaffeerahm aus ihrer Handtasche, dann schütteten sie reichlich Zucker hinein, den sie wohl im letzten Restaurant hatten mitgehen lassen. Die Frauen reagierten nicht. Stattdessen begannen sie über die Person zu reden, die ihrer Ansicht nach vorher hier gewohnt hatte, eine ältere, reichlich farblose Frau in den Fünfzigern, sagte die Frau, die als erste die Wohnung betreten hatte.

Louise reichte es. Sie ging zum Telefon und wählte die Nummer der Hausverwaltung. Aber es war Samstag, sie hörte das Band, man konnte nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Louise verzog sich auf den Balkon und beobachtete das Geschehen von draußen. Die beiden Frauen begannen auszupacken, über Einbauschränke, den geeigneten Ort des breiten Bettes, des Tisches und so weiter zu reden. Schließlich richteten sie die Wohnung ganz ähnlich wie Louise ein. Das Bett stand im selben Zimmer in derselben Ecke, der Esstisch, obwohl um je einen ganzen Meter länger als ihr eigener, stand an der gleichen Wand im Wohnzimmer. Sogar die Lautsprecher fanden die gleiche Ecke. Louise prüfte es: Sie schaltete ihre eigene Anlage ein, während die Musik der Frauen lief. Ein eigenartiges Gemisch, tiefer Technosound mit leichtem südamerikanischen Jazz, Louise war zunehmend fasziniert, das müsste man mal jemandem aus der Musikbranche stecken, dachte sie. Wenn sie wenigstens das Bett woanders hingestellt hätten, dachte Louise, wahrscheinlich sind sie Lesben. Aber mit einem Heteropaar wär sie auch nicht glücklicher gewesen, gestand sie sich ein.

 

Louise kochte sich auch Kaffee, sah auch fern, von ihrem eigenen Sofa aus, die beiden Frauen störten sich nicht daran. Nur einmal, ein einziges Mal, als Louise hustete, während die eine Frau Zeitung las und die andere auf dem Klo saß, da rief die Zeitung lesende Frau, Lena, was ist das? Was, was ist das? brummte Lena aus dem Klo.

Ich weiß nicht, eben war mir, als hörte ich etwas, meinte Mireille, mittlerweile wusste Louise nicht nur ihren Namen, sondern auch noch ganz andere, zum Teil sehr intime Dinge aus ihrem Leben. Louise schlief, las, telefonierte, kochte und aß in der gleichen. Dass fremde Leute kaum mehr auf sie reagierten, daran hatte sie sich mittlerweile gewöhnt. Wer wirklich wichtig für sie war, tröstete sie sich, blieb ihr erhalten. Telefonieren wurde schwierig, manche erreichte sie einfach nicht mehr, ihren Sohn beispielsweise, der nie abnahm, egal ob sie ihn aufs Festnetz oder aufs Handy anrief oder gar schrieb. Wenn sie ihn nicht zufälligerweise einmal in einem Straßenrestaurant angetroffen hätte, hätten sie sich mehr als zwei Monate nicht gesehen, das fand Louise nun doch etwas übertrieben. Sie setzte sich unaufgefordert neben ihn, bereit, ebenfalls etwas Kleines zu essen. Er war überrascht, aber unkonzentriert im Gespräch, sein Blick glitt immer wieder weg.  Sie schob es auf die Arbeit. Sie lud ihn nicht zu sich ein. Solange ihre Wohnsituation derart ungeklärt war, mochte sie keinen Besuch. Zu groß schien ihr das Risiko, dass jemand eine vernünftige Erklärung von ihr verlangen würde. Und die vermochte sie ja nicht zu geben.

 

Louise hatte es befürchtet, erschrak dann trotzdem, als eines Montagmorgens eine jüngere Frau an ihrem Arbeitsplatz saß und einen Stapel Mängelrügen bearbeitete, der vor dem Wochenende liegen geblieben war. Louise sah zu, wie auch ihr jüngerer Kollege das Büro betrat und ohne sie zu begrüßen missmutig mit der Arbeit begann. Die Abteilungsleiterin trat so energisch wie immer ein, schlug ihr dabei fast die Tür ins Gesicht und begann Aufgaben zu verteilen, ohne Louise eines Blickes zu würdigen. Sie verließ ihren Arbeitsplatz, irrte eine Weile ziellos in der Firma umher, traf beim Kopierer zwei langjährige Arbeitskolleginnen an. Beides Frauen, denen auch Nase und Ohren fehlten, sie fasste sich ein Herz und machte den Mund auf, da hatte die eine nach einem kurzen feindseligen Blick schon den Ort verlassen, die andere sich abgewandt, hantierte konzentriert am Kopierer. Louise verließ Mut und Blut in den Adern. Im Kaffeeraum saßen viele Kollegen und Kolleginnen in der Pause beisammen. Zwei von ihnen, Frauen ihrer Art, sahen sofort weg, man wollte sie nicht sehen. Louise flüchtete.

 

Ein Gutes hatte ihr Zustand. Sie konnte unbehelligt und ohne zu zahlen in die Kunsthalle. Solange sie wollte, so oft sie wollte und das, obschon ihr Abo längst abgelaufen war. Sie konnte in die Oper und ins Konzert, in die vorderste Reihe und in die Loge. Neulich hatte sie sich gar in einen Club gewagt, wo ein bekannter Jazzpianist seinen Auftritt hatte. Sie wurde zwar schüchtern unter all den selbstbewussten, gutverdienenden Menschen im Publikum, konnte die Musik aber doch in vollen Zügen genießen. Nächste Woche, nahm sie sich vor, würde sie versuchen, sich in eine der halblegalen Bars einzuschleichen, in denen junge Rapper auftraten. Das hatte sie sich früher nämlich nie getraut.