judith matter - wal skulptur am strand

Wir sehen aus wie eine Familie

Ich erwachte von einem dumpfen Aufprall. Victors Gebrüll, dann wieder Poltern, sie rauften. Die Frage war, wie lange schon und wie ernst. Ich schlug die Decke zurück, ging aufs Klo und streckte dann den Kopf in ihr Zimmer. Arne hatte Victor im Schwitzkasten und versuchte, seinen Kopf unter das Bett zu drücken. Victor war rot vor Zorn und Anstrengung.
Wer geht Brötchen holen? fragte ich laut. Victor liess ich nicht allein gehen, Arne hingegen wollte nicht allein.
Mark? rief ich, würdest du Brötchen holen gehen? Wer geht mit ihm? Aber Mark war noch gar nicht richtig wach.
Victor, du warst gestern einkaufen. Mark, darf Victor zu dir ins Bett?
Die Tür knallte, als ich allein die schmale Treppe hinunter polterte.

Mark faltete die Zeitung zusammen und erhob sich. Soll ich noch einen Kaffee kochen?
Er langte über den winzigen Tisch nach der Kaffeebüchse beim Herd und streifte dabei die Tischplatte. Innert einer Sekunde lag alles auf dem Boden: Tassen, Honig, Salz und Brötchen, Joghurt, Besteck. Milch und ein Rest Kaffee mischten sich mit Eigelbbröseln, Scherben und Schokopulver.
Auf nackten Zehenspitzen suchte Mark den Weg zum Abfalleimer unter der Spüle, ich breitete die Zeitung auf dem Boden aus. Arne trat dazu, er hatte das Getöse gehört. Wie habt ihr denn das geschafft? Darf ich mithelfen? rief er mit hochgezogenen Augenbrauen und hob die leere Kaffeekanne in die Luft.
Arne! Hol den Bodenlappen im Bad.
Er grummelte, verschwand.
Als Mark das Gröbste zusammen gefegt hatte, erkundigte sich Victor: Was hast du denn eigentlich gemacht, Mark?
Das würde ich auch gern wissen.
Genervt befühlte er die abgebrochene Kunststoffkante des Klapptisches. Ein paar Zentimeter waren an der Wand unter dem Fenster hängengeblieben, darauf standen noch Butter und Victors Gedeck.
Da muss schon vorher ein Riss gewesen sein, sagte er.

Er fluchte über den Vermieter, diese winzige Küche für eine vierköpfige Familie. Wir haben eine Kaution von 300 Euro bezahlt, nicht wahr, Marlen?
Wir sind gar keine richtige Familie, quäkte Victor.
Sehen aber so aus, knurrte Mark. Meinst du etwa, ich wollte immer euer Vater sein?
Sie zuckten zusammen, aber Mark hatte sich bereits dem Kühlschrank zugewandt. Ich starrte ihn an.
Schliesslich sagte ich: Wir werden auf dem Boden essen.
Mark hatte den Boden aufgewischt, neue Milch auf den Herd gestellt und Teller heraus gesucht, ein Stück Käse gerettet.
Die Tassen müsst ihr euch teilen, meinte er.
Ich wusch Löffel und Messer ab, das Brot reichte knapp, jeder hatte ein Kissen unterm Hintern am Tischchen in der Diele.

Eine Stunde später hielt Mark vor einem heruntergekommenen Haus an.
Drei kleine Teller und vier Tassen, nicht wahr, Marlen? Habt ihr eure Euros dabei?
Ich dachte, wir gehen in einen Supermarkt, sagte Arne.
Drinnen war es düster und kühl, eine ehemalige Scheune, vollgestopft mit groben Holzgestellen. Wir folgten Mark in die Dämmerung. Er schaute sich in einer Ecke mit Brettspielen, Plüsch- und Plastiktieren, Gameboys und ferngesteuerten Autos um.
Schmuddelig hier, Arne war missmutig gefolgt, und die Spiele sind doch eh kaputt.
Nach einer halben Stunde trafen wir uns wieder bei der Kasse. Victor kaufte sich eine Möwe, die auf ihrem Schnabel balancierte, und eine Jakobsleiter, die würde er zu Hause nachbauen, prahlte er. Arne hatte Herr der Ringe, in einer hässlichen Taschenbuchausgabe, aber auf Deutsch gefunden, zwei CDs seiner schwedischen Lieblingsband und einen fast neuen Volleyball. Ich kaufte Ersatzgeschirr und einen kurzen Rock. Und Mark? Eine Krawatte, dunkelrot und tiefblau.
Für den Fall, dass ihr Marlen und mich mal ausgehen lasst.
Ich war neugierig auf Mark in Hemd und Krawatte.

Um halb zehn ist Victor in der Kiste, kann ich mich darauf verlassen, Arne? Du kannst bis elf lesen.
Keine Sorge, Mama, wir machen das schon.
Ich schloss die Tür und folgte Mark, der vorausgegangen war. Wir wollten in die Brasserie im Dorf. Schweigend gingen wir nebeneinander her, ich suchte nach Worten.
Lass uns zuerst am Strand ein Glas Wein trinken, sagte Mark endlich.
Der Himmel begann sich zu färben.
Wir setzten uns in eine Strandbar, ein wenig abseits unter ein paar Bäumen.
Arne war heute entsetzlich, sie liegen sich ständig in den Haaren.
Nichts deutete darauf hin, dass er meine Bemerkung gehört hatte.
Manchmal bin ich es leid, was müssen wir einkaufen, wo ist die Victors Badehose, was machen wir morgen, muss ich noch Euro wechseln, sollte Arne sich etwas mehr bewegen und weniger lesen? Manchmal frage ich mich, ob es ein Fehler war, mich mit meinem Ex-Mann auf zwei Wochenenden pro Monat zu einigen. Was meinst du?
Warum sprichst du nicht mit ihm? Mark stand auf und machte ein paar Schritte zum Wasser. Ich zahlte und folgte ihm.
Du hast Recht. Aber ich weiss nicht, ob er die Jungs mehr bei sich haben möchte. Und ich weiss nicht, ob sie das wollen. Es ist absurd: Er hat eine Viereinhalbzimmerwohnung für vier Tage im Monat. Wie kommt er mit ihnen zurecht?
Vielleicht solltet ihr wieder einmal miteinander reden. Er streifte mich zwischen zwei Schritten mit seinem Blick.
Einfacher gesagt als getan. Ich verstehe ihn nicht mehr. Und irgendwie ist das auch richtig so, schliesslich haben wir uns ja getrennt.

Lass uns den Strand entlang gehen, sagte Mark und nahm meine Hand.
Ich seufzte, blieb stehen und zog die Sandalen aus. Kein Mensch war hier ausser uns. Mark nahm ein Stück Holz und schleuderte es ins Wasser. Ein paar Wellenzüge später wurde es an den Strand zurück geschwemmt. Ein leichter Wind ging, in unserem Rücken versank die Sonne. Am Ende des Sandstrandes kletterte Mark über Felsen, ich ihm nach. Bald würde es dunkel werden. Mark zog sich aus.
Komm, Marlen. Die Jungs schlafen auch ohne dich ein.
Zögernd legte ich die Kleider ab, der Wind strich über meine nackte Haut. Mark watete ins Wasser, ich tauchte kurz ein und kletterte dann auf einen grossen Stein. Der Wind trocknete mich, es war nicht einmal kühl. Mark schwamm weit hinaus. Ein paar Mal rief er nach mir. Als er endlich zurückkam, setzte er sich zu mir und küsste meine Schulter.
Du schmeckst nach Salz.
Lass uns zurückgehen. Die Felsen sind spitz.
Das ist keine Antwort.
Er langte nach seiner Hose und zog sich an.

Es war der drittletzte Ferientag. Victor wollte wieder an den Strand, Arne wollte gar nichts, jedenfalls nicht, was wir vorschlugen. Manchmal gelang es, ihn zum Mitmachen zu überreden, dann alberte er wieder mit Victor herum, kämpfte mit Mark. Aber plötzlich konnte er das Gesicht verziehen, den Ball wegwerfen, fragen, wann wir nach Hause gingen. Manchmal trottete er mit, das Buch unter dem Arm, die Stöpsel in den Ohren. Seine Stimme war noch hoch, seine Glieder ungelenk, zu lang die Arme, zu gross die Füsse, zu dünn der Junge. Er sprach nicht, sagte nicht, was ihn beschäftigte, kaum, was er sich wünschte. Nur im Kaputtmachen war er gut, die fröhliche Stimmung vermiesen, eine gelungene Arbeit von Victor zerpflücken, meine Zuneigung abweisen, das Wenige, was ich davon noch zeigte. Meine Aufgabe bestand darin, für Essen und ein Dach überm Kopf zu sorgen, ansonsten hatte ich nichts mehr zu sagen. Er schaltete den Bildschirm um, wenn ich eintrat, gab nichtssagende Auskünfte, wenn ich fragte, mit wem er sich treffe, achtete darauf, dass ich nichts Schriftliches von ihm in die Finger bekam. Dabei war er erst vierzehn.

Marc hatte im Führer und auf der Karte Höhlen mit alten Malereien entdeckt. Hohe Gitter sperrten den Zugang ab, man musste bei einer schweren Dame ein Ticket lösen und dann einzeln durch ein Drehgitter die Anlage betreten. Ein Führer hiess uns im künstlichen Dämmerlicht warten, neben perfekt ausgerüsteten Schweizern und einem Italiener, dessen Kind uns anstarrte. Als zwei weitere Frauen zur Gruppe stiessen, begann der Guide. Er gab sich Mühe, langsam und deutlich Französisch zu sprechen, Arne konnte ihm knapp folgen. Für Victor übersetzten wir flüsternd. Als wir bei den Felsbildern angelangt waren, rief er überrascht aus: Dass es die wirklich gibt! Sie hatten in der Schule gerade die Steinzeit durchgenommen. Er unterbrach uns ständig mit Fragen, woraus die Farben bestünden, ob die Urpferde lebensgross seien, warum keine Menschen dargestellt seien usw. Der Guide beantwortete unsere Fragen zunehmend knapper. Als die anthropologische Einordnung der Menschen folgte, von denen die Malereien stammten, beklagte Victor sich über Langeweile und begann den Höhlenboden und die Wände genauer zu untersuchen, ob keine noch unentdeckten Überreste zu finden seien, worauf uns der Führer darauf hinwies, dass nichts berührt werden durfte. Victor hängte sich mit an den IPod von Arne und begann im Takt mit dem Kopf zu wippen. Schliesslich führte uns der Guide durch einen Gang in die zweite Höhle.

Marks Blicke wanderten immer wieder zu einer der  beiden Frauen, die zuletzt zur Gruppe gestossen waren. Sie trug satte Farben, die kräftigen Haare schulterlang, eine offene braungebrannte Stirn. Einzelne graue Strähnen durchzogen ihr dunkles Haar. Sie strahlte Ruhe aus. Einmal trafen sich auch unsere Blicke, nachdem sie lange an Mark hängen geblieben war. Sie nickte mir kaum merklich zu. Mark und sie schienen sich zu kennen.
Als die Führung zu Ende war, verstauten wir vor der Höhle unsere Jacken und ich packte Äpfel und Schokolade aus. Mark ging zu den beiden Frauen hinüber und unterhielt sich angeregt mit der älteren; einmal lachten sie zusammen, sodass sogar die Kinder hinüber schauten. Als Mark wieder zu uns trat, blieb er wortkarg und nachdenklich.
Im Auto sagte er unvermittelt, ich hab mich morgen Nachmittag mit Delia zum Kaffee verabredet, sie macht ein paar Dörfer weiter Urlaub und am Strand können die Jungs auch mal auf mich verzichten, nicht wahr? Er warf mir einen schnellen Blick von der Seite zu. Wir kennen uns von früher, von der Hochschule, ich habe sie viele Jahre nicht mehr gesehen.
Mark ging selten aus, schon gar nicht mit anderen Frauen.
Sein Blick war geradeaus auf die Strasse gerichtet.

Als abends alle im Bett waren, machte ich eine Flasche Wein auf.
Wer ist Delia?
Wir haben ein Praktikum zusammen gemacht. Ich war damals ziemlich verknallt in sie. Aber sie war mit jemandem aus dem gleichen Jahrgang zusammen. Als ich im Ausland weiter studierte, habe ich sie vergessen.
Und heute? Wie kommt sie ausgerechnet hierher?
Mark zuckte die Schultern.
Gefällt sie dir immer noch?
Ja.
Ich schluckte.
Lebst du gern mit uns zusammen, Mark?
Schwierig, ich mag deine Kinder, das ist es nicht. Aber es ist anstrengend, du sagst es ja selbst. Sie brauchen viel Zuwendung, man muss ständig spielen, kochen, ordnen, schlichten. Du bist ihre Mutter, ich kann mich manchmal raushalten. Aber was bin ich denn für sie? Ein Vater? Ihr Stiefvater? Ein Onkel?
Sollen wir heiraten? Würde das die Situation klären? Willst du mich heiraten, Mark?
Er schüttelte den Kopf.
So kann man nicht heiraten, Marlen.
Stumm zählte ich zusammen, was unsere Beziehung ausmachte. Seit dreieinhalb Jahren waren wir ein Paar, seit einem guten Jahr wohnte Mark bei uns. Die Kinder mochten ihn. Er und mein Ex-Mann waren höflich zueinander. Es passte alles so gut. Ich liebte ihn.
Ich stöhnte auf.

Liebst du mich, Mark?
Ja, sagte er, seufzte und erhob sich.

 

Der Parkplatz war menschenleer. Kein Dorf, keine Stadt, neben der Autobahn erstreckten sich Felder, die eine oder andere Allee, ein Wald in der Ferne. Mark trat von einem Fuss auf den andern.
Meine Glieder sind ganz steif. Bewegt euch ein bisschen. Ihr müsst noch lange im Auto sitzen, das haltet ihr nicht aus. Komm schon, Arne, lauf eine Runde mit mir.
Arne gähnte, dann trabten sie los zum Restaurant, suchten einen Weg rundherum, machten bei den Benzinsäulen Slalom und rannten, fröhlich winkend, an mir vorbei in die zweite Runde. Nun wachte Victor auf. Wo sind die anderen? fragte er verschlafen.
Joggen. Wir müssen noch lange fahren. Willst du was essen?
Victor streckte sich und machte sich wortlos auf den Weg zu den anderen. Dort, neben Abfalleimern und Containern, stand ein verbeultes Tor. Mark machte aus dem Stand ein paar Klimmzüge. Arne schaffte vier, plumpste herunter, war offensichtlich ausser Atem, aber stolz auf sich. Mark legte den Arm um seine Schultern. Victor kam selbst springend nicht hoch. Er kletterte auf Marks Knie und fasste die viereckige Stange. Schliesslich schlenderten sie zurück zum Auto.
Fahren wir weiter, sonst kommen wir nie mehr an.
Ich liess den Motor an, Mark verteilte Sandwiches und stellte Musik ein.
Wolltest du nicht schlafen?
Nun bin ich wach.
Ich konzentrierte mich aufs Fahren, Mark schloss die Augen, woran dachte er?
Womit sollte ich ihn halten, wenn ihm meine und die Liebe der Kinder nicht reichten?
Oder aber:

Ich konzentrierte mich aufs Fahren, Mark schloss die Augen, woran dachte er?
Womit sollte ich ihn halten, wenn ihm meine und die Liebe der Kinder nicht reichten? Natürlich war ein Grossteil meiner Zeit von ihnen besetzt. Aber das war nicht neu. Hatte ich  mich getäuscht?

 

Der Alltag hatte mich wieder, die Jungs, die Arbeit, der Haushalt. Mark ging zum zweiten Mal mit Delia aus. Als er sich von den Kindern verabschiedete, fragte Victor: Liebst du nun Delia?
Ich lebe mit euch zusammen, das weisst du genau, entgegnete Mark und packte Victor. Er schulterte ihn, liess ihn den Rücken hinunter rutschen. Das würde nicht mehr lange möglich sein, Victor war immerhin schon neun.
Okay, schloss Victor, dann lassen wir dich gehen. Nicht wahr, Arne?
Am nächsten Abend, als auch Arne im Bett war, fragte ich ihn.
Wie ist das nun mit Delia? Hast du dich wieder verliebt?
Mark überlegte, dann nickte er zögernd. Ja, sie hat sich kaum verändert.
Ich zuckte zusammen.
Und was machst du jetzt? Willst du uns verlassen?
Ich weiss es nicht. Nein, sagte er.
Ich stöhnte.
Ich dachte, wir bleiben zusammen. Das kannst du nicht machen.
Nach langem Schweigen sagte er: Es hört sich alles abgedroschen an, Marlen. Ich weiss es noch nicht.
Dann lass es bleiben, dachte ich. Wut stieg in mir hoch.
Ich ging ins Bad und putzte mir die Zähne. Ich würde im Wohnzimmer schlafen. Krampfhaft überlegte ich, was ich morgen nicht vergessen durfte. Victor musste ein extra grosses Pausenbrötchen mitnehmen, nach dem Schwimmen starb er immer vor Hunger. Arne musste Schularbeiten unterschreiben lassen, hatte aber vergessen, sie mir hinzulegen. Ich schrieb einen Zettel und legte ihn auf den Tisch. Ich wusch mich, cremte mich ein, wollte den Pyjama holen und stiess in der Tür mit Mark zusammen. Unversehens lag ich in seinen Armen. Ich hielt ihn fest, sehr fest. Sein Hals roch wie immer. Er war schmal, muskulös. Wir liebten  uns, stumm, verzweifelt, heftig.
Was hat sie, was ich nicht habe? flüsterte ich in sein Ohr.
Er gab mir keine Antwort, löste sich aus meiner Umarmung, sah mich lange an. Nackt sass er da, die Ellbogen auf die Knie gestützt.
Was sagt Delias Tochter? sagte ich nach einer Ewigkeit.
Ihre Tochter ist neunzehn, Delia ist frei, sagte Mark.
Ich schluckte. Verzweiflung machte sich wieder breit in mir.
Ich muss schlafen, sagte ich, ich hole das Feldbett. Ich wandte mich zur Kellertreppe.
Als ich wieder hoch kam, hatte sich Mark umgezogen, Leintuch und Bettdecke herausgeholt, er nahm mir das Bett aus der Hand und wies auf das Schlafzimmer.
Ich stehe früher auf, sagte er, ich muss morgen nach Z.
Leise berührte er mich am Arm. Gute Nacht, Marlen, sagte er.
Er hatte es nicht gesucht, dessen war ich mir sicher. Er sah, wie es mir ging, liebte mich, zumindest jetzt noch. Ich konnte nichts tun, schien mir. Es gab nichts, was ich noch in die Waagschale werfen konnte.