Waschplatz - München

Tosen

Nein, nicht auch noch. Er ist erwachsen. Warum immer gleich beleidigt? Natürlich sagt er nichts, nicht mit Worten, aber ich spür es doch. Dinge nicht aussprechen heisst noch lange nicht, sie bei sich zu behalten. Ich habe noch keinen Blick in die Zeitung geworfen. Moritz ist noch nicht im Bett. Nina hat er auch noch nicht gute Nacht gesagt. Und jetzt noch sein neustes Stück hören, was Nettes dazu sagen, was Gehaltvolles … Merkt eigentlich jemand, ob ich auch was bräuchte? Immer dieser Sturm im Kopf, dieses Dröhnen. Zehn Botschaften aufs Mal. Und nur ein Zehntel davon ausgesprochen. Die andern muss ich selber entziffern. Von der Fehlerquote ganz abgesehen. Wie einfach wäre das Leben, wenn alle Leute das, was sie sagen wollen, auch sagen würden. Es wäre etwas ruhiger. Ganz bestimmt.

Etwas ruhiger. Hm.

Immerhin: Zwei interessante Artikel hab ich geschafft.

Nun muss Fabio aber endlich ins Bett. Macht er nicht allein, auch wenn er schon elf ist. Sein Vater ist wieder im Keller verschwunden. Ist der Pyjama noch frisch genug? Warum redet Fabio so langsam? Seit den Ferien ist das so, seit zwei Wochen. Als ob er nebenher noch anderes denken müsste und dies das Sprechen verlangsamen würde. Er liebt mich, mein Gott, ich ihn doch auch. Auch wenn man beim Zähneputzen noch immer hinter ihm stehen muss. Dann aber nicht dreimal wieder aufstehen, hörst du. Natürlich schau ich nochmal bei dir rein. Jeden Abend schau ich nach dir, wenn du schläfst, was glaubst du denn, und decke dich wieder zu. Ob er heimlich weiterliest, jetzt wo die Gutenachtgeschichte grad so spannend ist? Was heisst das denn wieder, Marcel? Soll ich mich beeilen oder soll ich in seine Nähe kommen? Oder soll ich Moritz nicht verhätscheln? Oder mir sein Stück anhören? Keine Ahnung. Moritz hält mich fest. Soll ich noch bei ihm bleiben? Arbeite ich zu viel? Bin ich zu oft weg? Eigentlich habe ich das Gefühl, er ist zufrieden. Krieg ich womöglich etwas nicht mit?

So. Er ist im Bett. Feierabend?

Der Krimi hat aber schon lange begonnen, na egal. Das Bier ist noch kalt genug.

Immer diese Unterbrechungen! Es war grad so spannend. Marcel steht nie auf.

He, nun bitte mehr Geduld, Oliver, wenn du schon vergisst, den Schlüssel mitzunehmen. Bin ja gleich unten.

Aufgedreht ist er. Sagt, er habe keinen Alkohol getrunken, aber vielleicht zwei Energydrinks … Immer diese Bruchstücke. Was lässt er weg? Natürlich, ist sein gutes Recht. Mit zehn erzählt man Mama nicht alles, geschweige denn mit vierzehn! Aber woher das Gefühl, dass das Wesentliche fehlt? Warum redet er so viel? Geografie kann nicht so aufregend sein. Sie können das Referat nicht ohne Internet gemacht haben, klar. Ob Mischas Eltern einen effektiven Kinderschutz installiert haben? Wollte nicht Marcel sich neulich drum kümmern? Huch, was ist das denn jetzt? Seit wann umarmt Oliver mich denn wieder? Sind ja ganz neue Sitten. Wenn ich das machen würde. Dein 14-jähriger Sohn hat dich aus heiterem Himmel umarmt. Und gesagt, ich sei schon in Ordnung. Weiss der Teufel warum, wobei, wozu. Fragen kann man ja nicht. Nur zuhören und dankbar sein. Hat er gehört, was ich gesagt habe? Warum kann er jetzt nicht wie sonst ohne Licht ins Bett. Ist das Zimmer zu klein für beide? Wenn man sie fragt, kriegt man keine Antwort, nie. Ein Grummeln vielleicht. Er weiss es selber nicht, meint Marcel. Das habe ich schon begriffen, aber auch verstanden? Diese Pubertät. Umstellen? Andere Möbel? In den Ferien.

Egal jetzt. Wieder hoch gehen. Weiter im Krimi.

Das Bier ist leer. Jetzt wär doch er mal dran, eins zu holen, wenn er sonst nie aufsteht.

Wer hätte es gedacht, Marcel holt mir ein Bier. Eine zweite Umarmung obendrein! Hoho! Ein Lächeln und Wuscheln, schnell und leicht. Nicht viel Zuwendung, aber dafür eindeutig. Na, der Tag ist gerettet.

So. Nun ist der Krimi zu Ende, schade.

Er schaut noch die Rundschau. Auch gut, wie er will. Vielleicht schlaf ich dann schon.

Lieber früh ins Bett, wenn ich morgen früh raus muss. Rock oder Hose? Pullover oder Bluse? Ach, im Moment geht’s mir ganz gut. Schicke Hose und enge Bluse also. Dunkle Farben, braun und blau, ist ja Winter. So.

Mein Gott, diese roten Flecken. Nase rot, Wangen rot. Falten auf der Stirn, ein ganzes Geflecht, Falten um die Mundwinkel, bloss nicht hängen lassen, herrje, wie sieht das denn aus. Abstossend, traurig. So will ich nicht aussehen. Mundwinkel etwas hochziehen und Kinn ganz leicht vorschieben. Ich habe ein leicht fliehendes Kinn, ich weiss. Wie ich das hasse. Wenn ich noch älter werde, werde ich ein Doppelkinn haben. Wie meine Mutter. Vielleicht kann ich es mir angewöhnen: Kinn nach vorn, Mundwinkel hoch. Automatisieren müsste man das. Die Pölsterchen krieg ich schon wieder weg. Einen festen Po mag Marcel. Wie froh ich darum bin. Nicht auszudenken, wenn er an meiner Figur herummeckern würde! Schon genug, dass man sich selber nicht gefällt. Naja. Schlanke Taille, runder Po, das geht. Aber das Gesicht. Genug jetzt. Ins Bett. Schön kühl. Ein paar Seiten noch und dann wegdriften.

Es reicht, wenn die Welt morgen wieder Gelegenheit bekommt.

Nein, ich schlafe schon. Oder fast. Kein Bedarf, nein, er könnte ja früher zu Bett kommen. Wenn er sich nicht bewegt, darf er. Aber nur das. Nicht zappeln mit den Füssen, au, die sind ja kalt. Lass mich in Ruh.

Hier drüben ist es schön kühl und kuschelig.

Tosen, morgens

Ja, in Gedanken schon bei der Arbeit, da hat Marcel recht. Spürt er nicht, dass ich ihn liebe? Auch wenn ich jetzt keine Zeit habe? Mein Gott, ich komme zu spät. Die Strassenbahn fährt gleich. In drei Minuten. Ob ich das schaffe?

Ist wieder dicke Luft zwischen Laurent und Chiara? Kann es ja heiter werden. Ich zwischen ihnen beiden, den ganzen Tag. Wer zum Teufel hat den Plan gemacht?

Nein, Chiara, ein bisschen mehr Platz musst du mir schon machen neben der Kasse. Nicht viel, aber ein bisschen. Zu viel verlangt? Das denke ich hundertmal, wenn ich neben ihr eingeteilt bin. Architekten müssten hier alle zuerst arbeiten, bevor sie die Inneneinrichtung machen dürften. Warum wurden wir nicht gefragt? Wär doch möglich gewesen. 45cm Platz für eine Frau, einen Mann hinter der Informationstheke. Wir haben‘s mal ausgemessen: 44.7cm, um genau zu sein. Klar, meist ist einer von uns unterwegs.

Schon wieder. Wenn ich was sage, wird’s auch nicht besser. Dann wird sie spitz. Bündelt ihre schwarze Haarpracht neu, atmet hörbar durch und kneift die Lippen zusammen. Chiara ist eine grosse Frau, ich geh in Deckung. Am besten warten, bis sie einen Moment woanders ist und sofort den Platz einnehmen. So. Bei Laurent geht‘s über die Füsse. Mich breitbeinig hinstellen, dann wird er ausweichen. Jeder hat sein System, jede. Zu Gloria kann man kurz was sagen, sie entschuldigt sich und dann ist für eine halbe Stunde gut. Einige machen sich von selber dünn. Die will ich auch nicht verdrängen. Jeder hat sein System, und immer ist es zu eng. Aber mit allen hab ich noch nicht gearbeitet, mit allen 120.

Ob sie einen wahrnehmen? Manchmal bin ich mir nicht sicher. Der hatte jetzt einen leicht glasigen Blick. Schon am frühen Morgen. Etwa die Hälfte der Kunden sagt an der Kasse ein Wort. Ein einziges. Manchmal freundlich, oft zerstreut, selten zugewandt. Danke. Auf Wiedersehen. Nicht mal einen Satz. Wir sagen mehr. Das macht so und so viel Franken. Möchten Sie eine Tasche. Vielen Dank und einen schönen Tag. Wie soll man da wirklich freundlich sein? Kasse ist noch mal schlimmer als Informationstheke. Man hat so viel Routine, dass man viel anderes nebenher denken und wahrnehmen kann. Sie will keine Tasche. Sah eigentlich nicht wie eine Ökotante aus.

Ihn muss ich leider zum Kundendienst weiterschicken. Vergebens gewartet.

Ihr hört sonst nie jemand zu. Daran bin ich nicht schuld. Bade es aber trotzdem aus. Ein Eiertanz, es darf sich niemand über uns beschweren.

Mit einer Zweihunderternote ein Taschenbuch bezahlen, okay.

Nächster, bitte. Nächste, bitte.

He, könnt ihr euch nicht vertragen? Oder beim Personalchef eingeben, dass ihr nicht miteinander könnt? Aber dafür sind sie zu stolz. Andere mit ihren Gifteleien belästigen. Du bist ja gar nicht gemeint, kannst ja weghören, wenn‘s dich stört. Kann man? Haha. Ohrenstöpsel sind nicht so angesagt. Mich einmischen kam ganz schlecht an. Ich hatte versucht zu übersetzen, was Laurent gemeint haben könnte. Dachte darüber nach, woher ihre Feindseligkeiten eigentlich herrühren. Konkurrenz ist es nicht, glaube ich. Geflirtet haben sie auch nicht anfangs. Wenn viel los ist, können sie nicht streiten. Das ist dann von Vorteil.

Der 52. Kunde heute. Der 19. Mann. Der zweite Krawattenträger und erste Bartträger. Kleine Einheiten Gedächtnistraining. Stopfen die emotionalen Löcher und sind gut zu gebrauchen auf dem Arbeitsmarkt.

Gloria drüben bei den Kinderbüchern sieht nicht gut aus. Traurig oder müde. Aber was lässt sich machen. Rübergehen und ein paar Worte mit ihr wechseln. Wenn nicht die Kunden, dann kriegt es jemand von uns mit. Muss ja auch nicht sein. Führt aber dazu, dass man ganz viel nicht sagt. Nur denkt und darauf sitzen bleibt. So eine Verschwendung. Gestern Rainer, jung, etwas zerbrechlich, von Chiara zurechtgewiesen. In der Sache hatte sie recht. Aber dieser Ton. Er lässt sich kaum etwas anmerken, nur zwei halbe Sekunden um die Mundwinkel. Dann zwei Stunden lang nicht mal mehr Blickkontakt mit uns andern, geschweige denn Gespräche. Vielleicht hätten die richtigen zwei Sätze gereicht. Er hat ja gerade erst angefangen. Aber es ist nichts möglich. Alles zu eng, viel zu eng. Es wuselt und dröhnt. Kein Raum, wohin man sich eine halbe Minute zurückziehen könnte, kein Ort, wo man die eigenen Gesichtszüge nicht kontrollieren muss. Wer hat sich diesen hässlichen Arbeitsort ausgedacht? So geht das immer. Immer. Jeden Arbeitstag. Und gleichzeitig bedienen, superkompetent sein. Die verrücktesten Fragen bearbeiten. Vor zwei Wochen im Feuilleton, nein, den Namen weiss ich leider nicht mehr, aber es ging ums Thema sowieso. Wie oft hören wir das. Aber wir wissen alles. Alles! Der interne Pressedienst informiert, sich morgens auf den neusten Stand bringen gehört zum Job wie nette Klamotten.

Tausend Geschichten zwischen uns und den Kunden. Davon platzt mir der Schädel, ich weiss nicht, wohin damit. Marcel interessieren sie schon lange nicht mehr. Bücher könnte ich damit füllen. Wer wollte sie lesen? Es gibt bereits zu viele davon. Und dann abends, wenn ich nach Hause komme, das Getöse im Kopf, tausend Stimmen vom Tag und drei Kinder und ein Mann, die wieder reden, fragen, erzählen, nörgeln, jammern, plappern, was loswerden wollen. Vier Personen, die sich in die Haare kriegen, um die ich mich sorge, deren Äusserungen ich entziffere, prüfe, einordne, ablege. Nichts verpassen, nichts vergessen, nichts falsch interpretieren. Immer ganz schnell reagieren. Wenn ich zu lange nach Worten suche, sind sie weg, woanders, beim nächsten Thema. Wenn ich zu lange nachfrage, werden sie ungeduldig, sind ja Kinder.

Immerhin, es sind meine Kinder. Ich kann sie erziehen, wie ich will. Bei den Kunden geht das nicht. Da darf man nichts ansprechen, wir bleiben ruhig, wir sind professionell, gemäss Weisung und interner Weiterbildung. Bei Krankenschwestern redet man von Psychohygiene. Und wir? Missverständnisse brauchen nicht geklärt zu werden, Beleidigungen werden nur im schlimmsten Fall zurückgewiesen, kein Tonfall wird korrigiert, keine Fehlinterpretation richtig gestellt. Es gibt nur die Bücher und den Umsatz, sachliche Gespräche. Wir müssen angenehm aussehen, freundlich reden, positiv denken, ein Gehirnkorsett! Dazu blitzschnell Informationen ausspucken – wie Idioten schaukeln wir uns gegenseitig hoch, wer weiss mehr Titel, Autoren, Verlage, wer ist schneller im Suchen, wer besser informiert, wer überzeugender in der Beratung. Jedes Buch, nach dem jemand fragt, kennen wir, präzis, fehlerfrei, immerfreundlich. Wehe, es passiert uns ein Fehler. Die Konkurrenz ist gross.

Was mach ich hier eigentlich.

Was mach ich hier eigentlich, zum Teufel.

Gestern sah ich einen Mann, der in Unterhose in der Innenstadt spazieren ging.

Ein Kreis bildete sich um ihn. Dann kam die Polizei.

Heute verkaufte ich ein Buch über eine Künstlerin, die in einer selbstgebauten Hütte am Rand einer Wüste lebte und malte. Fünfundzwanzig Jahre.

Früher hätte ich gern in den Bergen gelebt. Nahe am Gletscher, am Himmel.

Manchmal träume ich so tief. Ich bin auf der Suche nach einem Haus. Es geht immer um schöne, verwinkelte, alte Häuser. Ich zieh ein, ich zieh aus, manchmal wohne ich darin. Es ist ruhig in diesen Träumen. Oft bin ich allein. Was ich darin tue, entfällt mir meist sofort. Ist wohl nicht so wichtig.

Ist wohl nicht so wichtig.

Da ist Holz, ein breites Treppenhaus, der Garten etwas verwahrlost, wartet auf neue Bewohner. Die Zimmer einfach, bemalter Täfer, die Dielen knarren sacht. Manche Zimmer haben zwei Türen, gusseiserne Klinken. Die Fenster sind hoch. Das Sofa meiner Grossmutter. Ich setze mich auf die Steinbank, draussen unterm Fenster, warte. Neben mir Liebstöckel, Rosmarin.

Wie gern ich da bin.

Wie gern ich da bin.

Ob ich irgendwann in meinem Leben in einem solchen Haus wohnen werde?

Tausend Franken!? Himmel, was ist los? Das soll ich gesagt haben?! Tausend Franken für die zwei Bücher. Ja, ich hab mich vertippt. Das darf doch nicht wahr sein!

Zurück ins Hier und Jetzt! Das passiert mir sonst nie!

Es war zu schön.

Nein, keine Angst, ich mach nicht nochmal einen Fehler. Sie brauchen jetzt nicht alle die Kassazettel zu kontrollieren. Ah, eine Blondine, ihr selber ist noch nie ein Fehler unterlaufen. Oh, eine junge Frau, die neugierig ist. Ich bin nicht durchgeknallt, nein. Noch nicht.

94ster Kunde heute. 27ster Mann, zweiter Bartträger schon heute, hoho, und 18ter, der zwei Sätze und mehr sagt.

Was war noch heute Abend? Krenslers kommen nicht zum Abendbrot. Marcels neustes Stück für die Band begutachten, das war‘s. Ich sollte ähnliche Titel abchecken. Schnell gemacht in einer Arbeitspause. Klar, Marcel könnte das auch googeln, aber ich hab Zugang zur Software der Musiketage. Mach ich doch. Und schon gestern Abend hab ich abgelehnt seinen jüngsten Versuch zu hören, das kann ich nicht noch mal verschieben.

Wie formulieren, was mir nicht einleuchtet. Er will präzise, freundliche, kritische Rückmeldungen. Nichts mehr und nichts weniger.

Interessant, wenn man gut drauf ist, anregend, wenn man ausgeruht ist.

Unendlich anstrengend, wenn man müde ist.