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Emma

Die Sonne wärmt. Freie, weisse Haut. Zwischen Milch und Wachs. An manchen Stellen Härchen, die ich noch nie wahrgenommen habe.
Krümel bleiben am Ellbogen hängen, der Boden ist zu hart. Billiges Parkett, Dellen, Spuren, viele nicht von mir. Staubgebilde unter der Heizung, entlang der Bodenleiste, kleinere und grössere Nebel, entwischen, fliegen weg. Wie entsteht eigentlich ein Staubknäuel von der Grösse eines Daumens? Man bräuchte ein Mikroskop.
Auf dem Fensterbrett eine feine Schicht Staub, auch auf dem Büchergestell. Im Stehen sieht man sie nicht. Wenn ich Besuch bekomme, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, wie schäbig sie ist, meine kleine Wohnung, dunkel und unaufgeräumt. Am Rahmen der Rollläden blättert graue Farbe ab. Sie wirft kleine Blasen, die öffnen sich, springen auf, an einigen Ecken grössere Flecken ohne Farbe, Rost, ein unergründliches Stahlgrau, man sollte die Farbe abschleifen, abschmirgeln, bis der Rahmen ganz glatt ist, man müsste die Sache versiegeln und neu anstreichen. Aber das ist nicht mein Job.
Der Himmel dahinter ist blau. Tiefes, dunkles Himmelblau.
Man müsste oft Farbe holen aus dem Malkasten. Leichte weisse Schlieren, etwas schräg, noch nicht diagonal zum Fensterrahmen, fast parallel zueinander. Soll ich den Apparat holen?
Graue Wolken und weisse, klare Formen und verschmierte blasse Nebel. Wolken, die die Farbe des Himmels angenommen haben, hellblau, dunkelgrau, rosa. Niedrige, die hängen, die durchziehen, hohe, die unbewegt im Himmel stehen. Flugzeugspuren und Blumenkohl, Schäfchen, Rippen. Blassblauer Himmel, weisser Sommerhimmel, knalliger Herbst, dunkler Bergschnee. Wolken allein und in Gruppen, übereinandergeschichtet und im Wind. Wolken am Horizont. Ich brauch die Kamera nicht mehr auszupacken. Alles schon gesehen und geknipst.

Ein international bekannter Fotograf – war es Newton? – stellte einmal hundert Wolkenbilder aus. Keiner wäre hingegangen, wär da nicht der bekannte Name gewesen. Später, im Arbeits­zimmer des Schwagers, drei Bilder: eine Flugzeugspur, Regenwolken, das dritte vergessen, schöne Amateurfotos.

Danach verstaute ich meine Wolkenbilder im Dachboden.

 

Es ist ruhig.

Irgendwo im Haus geht der Lift. Schritte, nicht auszumachen wo, nicht in meiner Nähe, irgendwo ein Fernseher. Was unterscheidet ihn von echten menschlichen Stimmen? Ich warte. Lege mich wieder hin. Das Sonneneck auf dem Parkett wandert, manchmal muss ich ein Stück rücken. Bald wird es bei der Wand angekommen sein.

Die Arbeit. Morgen muss ich die Arbeit abgeben, schon bei der letzten war ich zu spät. Aber da ist noch der Abend, notfalls die Nacht. Manchmal läuft es besser nachts.

 

Er war auch auf dem Lindberg-Gymnasium. Er war einer der vier Jungs aus der verrückten Klasse. Ich beneidete sie. Eine Zeitlang hatten sie ein Klo im Klassenzimmer. Wer Mist gebaut hatte, verbrachte eine Lektion darauf. Danach durfte man eine Blüte aus dem Klo fischen, aus Plastik zum Anstecken, aus der Klassenkasse gekauft. Oder ein Fensterrahmen, den sie von der nächsten Baustelle geklaut und auf einen Ständer gebastelt hatten. Manchmal hielt jemand eine Ansprache zur Welt, manchmal auch zum Unterrichtsthema – etwas zwischen Politkommentar, Talk Show und Wort zum Sonntag. Als sie dann mit Gebeten anfingen, schritt die Schulleitung ein.

Daniel war einer der Vier, nicht der Auffälligste.

Gestern zum zweiten Mal aus der Nähe. Dunkelblond, feingeschnittene Züge, unauffällig auf den ersten Blick. Schaut einen nur kurz an, redet wenig.

Die Wahrheit sagt man nicht ungefragt ins Gesicht. Einen Moment blieb ihm die Luft weg. Dass sie ihn schon im Tanzkurs nicht mehr liebte, weiss er sicher selbst. Das hätte ich ihm nicht unter die Nase zu reiben brauchen.

Dann war er weg.

Dabei hatte ich das Gespräch mit ihm gesucht. Was bin ich dämlich.

Kennen wir uns denn nicht?

Kannten? Undeutlich, schon lange her.

Ich eine Wirtshaustochter? Eine Magd? Blond war er auch da. Sah gut aus.

Mehr sehe ich nicht.

Übermorgen Abend. Im Salsaschuppen.

 

Eine Arbeit schreiben.

Es gibt die Schule, diese Schule, ich habe mich entschieden, sie zu besuchen, ich, Muriel Gerber. Es gibt Formvorschriften, inhaltliche Vorgaben. Ich wollte das machen, jetzt nicht wieder darüber nachdenken. Aber es ist so weit weg, so weit weg. Was habe ich für eine Fragestellung gewählt? Der Text, den lass ich so, wie er ist. Platzieren, als Broschüre, als Flyer oder beides. Mach ich doch. Aber als Wettbewerb, das ist vielleicht Quatsch. Sind wir Kinder, die man motivieren muss? Verkaufen werde ich die Broschüre. Das kann ich mir nicht leisten, Gratis-Arbeit für Schule und Schublade. Etwas mehr Professionalität würde den Freizeitzentren auch nicht schaden. Vielleicht wollen sie meinen Flyer. Ich sollte anfangen.

 

Wir kennen uns.

Eine fruchtbare hügelige Landschaft, kleinräumig, verstreute Bauernhöfe, helle Naturwege, die sich um Höhen und Höfe schlängeln. Blühende Obstbäume, Kirschen, Äpfel, Birnen. Sattes Weiss, pralle Formen. Trockene Naturstrassen, beige, den Hügelchen folgend, eine grössere Hauptstrasse, die sich durch die Landschaft zieht, dann durch das langgezogene Dorf. Der Waldrand, ein grösserer Hof, Menschen, Kinder. Feldarbeit, Heuen in der Mittags­hitze. Kartoffelernte, auf den Knien oder in der Hocke. Stundenlang, bis man durch und durch steif ist. Spätsommerwiesen. Frisches Holz. Leinen in der Sonne. Klohaus. Hühner. Harz. Seine Haare. Seine Haut.

 

Die Bilder fühlen sich an wie Erinnerungen.

Plötzlich sind sie wieder weggewischt.

Es ist noch nicht Morgen, draussen schwarz. Gegenüber brennen die ersten Lichter. Ein Nachbar geht um sechs aus dem Haus. Ein bleicher untersetzter Mann, der mir noch nie einen Blick zugeworfen hat. Die Arbeit ist nicht fertig. Ich krieg sie nicht mehr hin. Ob es reicht, wenn ich die erste Hälfte abgebe? Eine Ausrede, die zweite Hälfte auf heute Abend ankün­digen, bis morgen Nacht sollte ich sie schaffen.

Natürlich hätte sie bei meiner letzten Arbeit ein Auge zudrücken können, Gisela, unsere tolle Dozentin. Das können sie immer, die Frage ist, ob sie wollen. Klar habe ich sie zu spät abge­geben, klar hat sie den Notenabzug angekündigt, alles korrekt. Aber schliesslich geht sie am Feierabend freiwillig mit uns in die Kneipe, sie muss ja nicht. Sie hat Schiss, dass man es ihr vorwirft. Und dann ist sie übertrieben streng, den Fünfer hätte sie mir wirklich geben können, um ja nicht den Anschein zu geben … mag sie mich? Mag sie mich? Was meinte sie damit, ich sei schnell. Das habe ich noch nie gehört. Ich bin nicht schnell. Ich bin langsam.

 

Ich war achtzehn und es war Sommer.

Ich half in der Wirtschaft und auf dem Feld, im Obsthain, im Garten und im Haus.

Wo man mich gerade brauchte.

Vorne raus der Garten, hinten der Waldrand, auf der Seite der Obsthang, acht Obstbäume und zwei Kirschbäume, auf der anderen Seite die Wirtschaft. Leute aus dem Dorf, auf dem Weg in die Stadt. Ich holte Most aus dem Keller, machte Kaffee und Apfelkuchen, stellte ihnen ein Essen hin, das sie für einige Zeit satt machte. Nein, sie waren nicht grob, die Männer vom Dorf. Es gab Platz für gut zehn Leute und im Sommer im Schatten der Linde noch einmal so viele. Bänke und Tische vom Bruder, dem zweitältesten, Schreiner im Dorf. Holz ohne Lehne, Riemenböden, weisse Wände. Ein Kreuz an der Wand, ein Stich von der Stadt. Ein Ofen in der Ecke, an der Wand schwarze Schlieren, jedes Frühjahr neu gestrichen. Im Som­mer waren die kleinen Fenster immer offen, im Winter, wenn draussen Schnee lag, war es oft feucht und stickig in der Gaststube.

Ich war achtzehn und half überall mit.

Manchmal, sonntags, kamen die älteren Geschwister zu Besuch, Marie, die dünne Dunkel­haarige, und Lisbeth, immer ein bisschen mollig, beide mit ihren Kindern. Selten Michael aus der Stadt. Marga, mit der ich das Bett geteilt hatte, war für ein Jahr im Welschland. Selten kamen Kartengrüsse von ihr. Im nächsten Sommer würde sie heiraten. Ich vermisse sie immer noch. Meinen Vater sehe ich, klein und untersetzt, heftig schnaufend und hustend, dazu gezwungen, die Zügel aus der Hand zu geben.

Und Hans, ein Jahr jünger als ich, sollte den Hof übernehmen. Hans, mein kleiner Bruder. Den hatte ich oft im Schwitzkasten gehabt. Aufgeschossen und  verschlossen war er. Manchmal brauste er auf.

Sie mochten sich nicht, er und Samuel.

Samuel war gut fünf Jahre älter als Hans.

Auf der Durchfahrt in die Stadt, für das Baugeschäft seines Onkels, mit dem Fahrrad. Stieg ab, machte eine Pause bei uns, mochte den Most, ich setzte mich zu ihm und wir redeten eine Weile. Wir waren ja um zwei Ecken verwandt.

„Bist du auf dem Weg in die Stadt?“

„Ja. Der Maurer, ein alter Geschäftspartner vom Onkel, hat vor kurzem sein Geschäft aufge­geben. Jetzt suchen wir jemand Neuen. In der Stadt gibt es zwei, ich geh sie anschauen.“

„Wie findest du denn heraus, ob sie gute Geschäftspartner sind?“

„Je nachdem, was für Angebote sie machen, verglichen mit dem, was wir vom anderen gewohnt sind. Ob sie Ordnung halten, was für Arbeiter sie haben und so weiter, mit wem sie sonst geschäften.“

„Seid ihr denn auch schon hereingefallen?“

„Ja“, Samuel zögert, „und ich war sogar schuld daran. Am Anfang, als ich beim Onkel ange­fangen habe. Ich habe jemandem, den wir nicht gut kannten, einen Auftrag bezahlt, noch bevor er ausgeführt war. So etwas Dummes“, er schaut zu Boden, „ist mir nachher nie mehr passiert. Ein Schreiner, er schluderte, versprach, die Sache auszubessern, wir warteten und hatten nichts mehr in der Hand. Aber es war kein grosser Auftrag.“, schloss er ab und wandte sich mir wieder zu.

„Ich habe neulich einmal von jemandem zwanzig Rappen zu viel verlangt. Der hat mir das ganz schön übelgenommen, obwohl ich mich entschuldigt hab. Da hab ich ihm noch eine besonders schöne Birne aus dem Keller geholt. Der Friberg Chläus, der ist auch immer missmutig. Kennst du ihn?“

„Der vom Hinterberg? Ja, aber die haben auch Pech gehabt. Es hat ihnen das ganze Land überschwemmt vorletzten Sommer, erinnerst du dich? Sie haben am meisten Land in der Ebene. Ich weiss nicht, wie sie über die Runden gekommen sind, die halbe Ernte war dahin.“

„Der unterdrückt seine Frau und die ganze Familie, sagt man. Ich kanns mir gut vorstellen. So wie der einen anschaut, als ob er … einen durchbohren will, als ob er zustechen könnte mit seinen Augen.“

„Ach, dir kann er aber nicht viel anhaben, oder?“ Samuel lachte mich ein bisschen an.

Ja, er gefiel mir.

Er war schlank, man sah an seiner Statur und auch an Händen, dass er nicht jahraus, jahrein im Stall und auf dem Feld arbeitete. Es fehlten Hornhaut und Schwielen, seine Hände waren fast schmal im Vergleich zu den denjenigen meiner Brüder.

So deutlich ist das alles. Eine lange schmale Nase, braune klare Augen. Helle Haut, ein ebenmässiges Gesicht. Wir redeten über alles Mögliche, über Bekannte und Verwandte, über den Pfarrer und die neue Kirche, über seine Zukunft, wahrscheinlich würde er das Bau­geschäft seines Onkels übernehmen, über das Wetter, immer wieder wurden am anderen Ende des Dorfes grosse Felder überschwemmt. Man überlegte, einen Damm zu bauen. Einmal redeten wir über den Krieg, der in Europa tobte, manchmal erwischte ich ein Stück Zeitung. Er war der einzige ausserhalb der Familie, mit dem ich mehr als zwei Sätze redete. Seit ich die Schule verlassen hatte, gab es die Freundinnen auch nicht mehr. Zu weit weg wohnten sie. Schliesslich sprach mich auch mein Vater darauf an, es gehörte sich nicht. Ob er mit mir gehen wolle. Ob ich ihn wolle. Ich konnte es nicht sagen, wusste nur, dass man mir diese Gespräche, häufig waren sie nicht, alle paar Wochen oder Monate kam er vorbei, nicht verbieten sollte. Und sieh zu, dass du nicht heiraten musst, ergänzte Hans giftig, ich erschrak.

Von da an war ich verlegen. Einmal stolperte ich und leerte einem Nachbarn einen Krug Most über den Rücken, der wurde wütend, es war schon Oktober, es musste ein trockenes Hemd her, ich holte ihm eins meiner Brüder. Danach hatte ich anderes zu tun, die Gestelle aus dem Keller auffüllen, die Küche fegen, die Hühner füttern, Arbeit gab es immer. Er ging weg, im Blick eine Frage. Er kam noch zwei-, dreimal. Wenn Hans dazu kam, stand ich auf.

Dann sagte er mir beim Bezahlen, dass er weggehen würde, wahrscheinlich für ein Jahr, um für das Baugeschäft einiges zu lernen. Mein Magen rollte sich zusammen. Am Abend heulte ich auf meiner Matratze. Es war kurz vor Weihnachten, es gab viel zu tun. Grossmutter wohnte seit kurzem bei uns, sie verlangte dies und verlangte das. Ich kam nicht mehr zum Nachdenken.

Hans würde im nächsten Sommer den Hof übernehmen, obwohl er zu jung war, er wurde erst achtzehn. Mutter war um viele Jahre jünger als Vater und gesund. Vater litt so stark an Asthma, dass sie schon mehrmals den Arzt hatten rufen müssen, einmal den Pfarrer. Er sah schlecht aus, etwas anderes schien ihn noch auszuzehren. Sie erwarteten, dass ich meinen Teil übernehmen würde. Ich kannte die Arbeit, kannte den Hof. Ein Bruder und eine Schwester würden heiraten und wegziehen. Einer kam vom Lehrerseminar zurück, hoffte, eine Anstellung in der Umgebung zu finden.

Dann wurde ich krank.

(Dieser Text ist der Anfang des noch unveröffentlichten Romans „Höhlenschlag.Mali“.
Bei Fragen wenden Sie sich an die Autorin.)