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Die letzte Hoffnung

Leise verlasse ich das Bett. Meist erwacht er irgendwann. Aber heute würde ich schon draussen sein. Im Flur schlüpfe ich in die Kleider, ertaste den Schlüssel an der Wand, steige hinunter und bin auf der Strasse.

Das kalte Licht der Lampen nachts. Ich lausche. Man würde meine Schritte hören. Ich biege in die nächste Nebenstrasse ein, Einfamilienhäuser, sauberer Rasen, das Auto vor jeder Garagentür, immer zehn Schritte bis zur Haustür. An einem einzigen Ort brennt im obersten Stock Licht. Wie spät mag es sein. Es raschelt im Gebüsch. Mein Herz schlägt, ich bleibe stehen. Ein grosser runder Igel trollt sich auf die Strasse. Als ich mich bewege, hält er inne, wendet sich dann zum nächsten Garten.

Ich weiss nicht genau, warum ich das mache.

Er wird wieder fragen. Ich kann es ihm nicht erklären. Letztes Mal hat er mich gebeten, ihn zu wecken, wenn es wieder so weit ist. Ich habe es ihm versprochen. Dann haben wir miteinander geschlafen. Wir haben nicht mehr mit einander geredet.

Ich gehe weiter. Da ist der  Laden. Jeden Tag kaufe ich da ein. Einmal hat mir eine Bekannte erzählt, was für Läden es früher gab, einen Metzger, zwei Bäcker, einen gab es sogar noch, als ich vor sechs Jahren hierher gezogen bin, einen Milchladen. Nun gibt es nur noch den Grossen. Und einen Blumenladen, drei Coiffeure, eine Apotheke. Ausserdem Fachgeschäfte, die man nie braucht. Manche schliessen nach kurzer Zeit wieder. Manche halten sich, jahrelang, ohne dass man einen Menschen hineingehen sieht.

Der Pausenplatz ist dunkel.

Neulich ist der Kleinere vom Klettergerüst gefallen. Er hatte Glück, hat sich nur Schrammen geholt. Aber er kam weinend nach Hause gerannt. Ich hatte gerade den Vertreter der Hausratversicherung in der Wohnung. Er tat mir leid. Ich schickte ihn erst nachmittags wieder zur Schule.

Er braucht mehr Nestwärme, ist nicht mehr so selbstbewusst und unbefangen.

Meine Grössere, Gordula, hingegen ist ziemlich selbständig. In einem Jahr kommt sie in die Oberstufe. Manchmal ist sie abweisend, herrscht einen an.

Das tut weh.

Um ehrlich zu sein: Ich habe Angst vor dem, was auf mich zukommt, ihre Pubertät.

Gerade Mütter hätten viele Kämpfe mit ihren Töchtern auszustehen. Dass man sich mit ihnen auseinander setze, sei wichtig für ihre gesunde Entwicklung. Mit uns hat man sich auch nicht auseinandergesetzt. Jedes Mal, wenn man ihr nicht Recht gibt oder sie auf etwas hinweist, gibt sie schnippisch zurück, rennt in ihr Zimmer und schlägt die Türe zu. Dann lasse ich sie. Man kommt nicht mehr an sie heran. Ich habe Angst vor diesen heftigen Aggressionen. Ich weiss, das ist falsch. Später, wenn sie sich beruhigt hat, versuche ich mit ihr zu reden. Sie lenkt vordergründig ein oder weigert sich, darüber zu sprechen. Was soll man da machen.

Die Schule habe einen anderen Auftrag, Erziehung sei Sache der Eltern, sagte neulich der Lehrer. Ob er mich mit meinte?

Ich gehe Richtung Stadtrand.

Heute Nacht werde ich den Steinmann im Friedhof besuchen. Das habe ich bis jetzt nie gewagt. Der Friedhof liegt am Waldrand und ist von einer Mauer umgeben. Ich glaube nicht an die Seelenmärchen von meiner Grossmutter. Und doch ist es ein Friedhof.

Im Friedhof wird man tagsüber in Ruhe gelassen. Neulich, als ich mit Tim hier war, ist sogar er verstummt.

Ich habe ihn zu einem Grab geführt, das ich als das seiner Urgrosseltern ausgegeben habe. Er sei Schuhmacher gewesen, sie hingegen Wirtshaustochter. Immer hätten sie sich bekämpft, sie seinen Alkohol, er ihre schlechte Hausführung. Als er nach den Namen fragte, wurde ich kurz nervös. Meine Mutter habe als Mädchen Weber geheissen wie das Paar hier. Er ist noch klein, mein Junge, schluckte es ohne Widerrede. Bald schon wird er es vergessen haben.

In der Nähe war eine Steinskulptur. Ein junger Mann mit langem wehendem Mantel, darunter nackt. Fliehend, verängstigt zurückblickend. Ich will ihn trösten. Ihn in die Arme nehmen. Er braucht sicher eine Seele, die ihm wohlgesinnt ist. Vielleicht wird es mir sogar gelingen, seine Verfolger zu verscheuchen, unschädlich zu machen. Es gelingt mir vieles, nachts.

Vor kurzem habe ich es geschafft, eine Frau, die sich über ihren toten Geliebten beugt, zu erlösen. Den Toten konnte ich nicht zum Leben erwecken. Aber sie konnte ihn endlich zurück lassen, sich aufrichten und weiter gehen im Leben. Am andern Tag, als ich mir mein Nachtwerk bei Tageslicht ansehen wollte, stand eine Traube von Menschen um den Brunnen. Zwei, drei Fotografen lichteten das Wunder ab. Ich verdrückte mich in ein Kaffeehaus und beobachtete den Platz vom Fenster aus. Sogar der Bürgermeister erschien und gab ein Interview. Ich sah ihn gestikulieren, auf die Figur zeigen. Er machte es vor, wie die Figur sich früher gebückt hatte.

Die Zeitungsartikel verpasste ich leider. Oder ich übersah sie. Ich lese nicht regelmässig Zeitung. Es geht mich nicht wirklich etwas an, was in der Zeitung steht.

Heute Nacht also der fliehende Jüngling. Bis zum Friedhof ist es ein gutes Stück Weg. Ich komme am Pferd im Todeskampf vorbei. Nun schläft es friedlich. Dank mir. Das war vor Jahren. Aber ist die Welt nicht besser so?

Vorbei am ekstatischen Jüngling auf dem hohen Sockel. Bei drei Metern musste ich mir etwas einfallen lassen. Mit einem ausgedienten Hochsprungstab schaffte ich es schliesslich. Völlig verkrampft streckte er die Arme in den Himmel, den Mund geöffnet wie zum Schreien, die Arschbacken zusammengeklemmt. Wer zwang ihn dazu, Begeisterung zu spielen? Inzwischen kniet er und umarmt den Mond. Die Augen geschlossen, sich wiegend im sanften Wind. Mir wird warm ums Herz, als ich an ihm vorbeischreite und zu ihm hochschaue.

Heute Nacht ist kein Mond. Das ist auch gut.

Martin würde mich für verrückt halten. Aber er weiss ja nichts. Er wird mich suchen, nicht finden, sich wieder schlafen legen. Mich am Morgen wachrütteln, fragen. Wie gerädert werde ich das Frühstück machen, aber das ist es mir wert.

Er lässt sich ablenken, mit einfachen Lügen abspeisen. Sicher liebte er mich. Und jetzt? Was ihn bewegt, weiss ich nicht.

Schon lange nicht mehr.

Wir haben uns gefreut auf unser erstes Kind, er hat viel mit Gordula herum gealbert und gespielt. Wir waren eine kleine glückliche Familie. Dann kamen Tim und Jan. Ich hörte ganz auf zu arbeiten. Die Schwangerschaft war anstrengend, es gab Komplikationen. Sie kamen viel zu früh, blieben vier Wochen im Krankenhaus. Gordula und er zu Hause. Meine Mutter half in der ersten Zeit. Dann kehrte der Alltag zurück – für die anderen.

Tim und Jan waren schwierige Kinder. Sie waren oft krank, meist nacheinander. Brauchten mich viel nachts. Vier Jahre lang stand ich jede Nacht auf. Jede. Von Bekannten erntete ich Bewunderung. Martin hingegen beugte sich dem Druck bei der Arbeit. Da erwartete man, dass er Überstunden machte. Die neue Position als Abteilungsleiter forderte ihn heraus. Und er ertrug abends, wenn er müde war, das Kindergeschrei nicht mehr. Wenn er nach Hause kam, hatten sie Hunger und waren schon müde. Gleichzeitig sollte ich kochen und ihm zuhören, wenn er erzählte. Gordula war oft eifersüchtig. Zu recht muss ich heute sagen. Sie war in der Regel problemlos, für sie hatte ich nicht auch noch Nerven, sie musste selber für sich schauen. Dann schlug sie die Kleinen. Oder sie machte ihnen das Spiel kaputt. Wenn es schlimm kam, nannte er mich unfähig.

Dann zogen wir hierher. Da war ich dann auch noch allein.

Und dann geschah es. Die Katastrophe.

Jan rannte auf die Strasse. Ich hatte nicht aufgepasst. Er starb nach einigen Tagen im Krankenhaus. Nach zwei Wochen brach ich zusammen. Sie verschrieben mir eine Therapie.

Grosse Löcher in der Erinnerung.

Ich wünschte mir ein grosses Andenken an der Stelle, wo er angefahren worden war. Es musste sichtbar bleiben, was geschehen war. Er musste sichtbar bleiben. Ich wurde fast verrückt.

Martin suchte einen Bildhauer, besprach mit ihm die Skulptur. Ich sagte zu allem ja. Sie wurde fertig und aufgestellt. Mit Bewilligung der Behörden versteht sich. Es ist nicht weit von hier. Aber man kann sie umgehen. Vor drei Jahren war ich zum letzten Mal dort.

Jan war kein lustiges spielendes Kind. Er war eher kompakt, meist ernst und schweigsam. Tim war der Vergnügte, der Neugierige. Jan schaute häufig zu. Wehrte sich wenig, prügelte sich nicht, hatte nicht diesen starken Bewegungsdrang wie Tim. Er mochte lieber Bilderbücher. Die Eisenbahn war sein Liebstes. Sein Zweitliebstes sein Bär und seine Kuh, mit denen er ganze Geschichten spielte. Tim hingegen kletterte schon mit drei Jahren auf Bäume, liebte den Wald, war im Kindergarten einer der Anführer, interessierte sich wenig für Rechnen und Schreiben. Trotz der Unterschiede hatten sie wenig Streit. Wenn Jan, was häufig geschah, nicht mehr zu sehen war, weil er sich mit einem Spiel in eine Ecke verkrochen hatte, war es Tim, der seine Nähe suchte.

Ich weiss nicht, warum es geschah. Ich hatte keinen von beiden lieber.

Martin bekam drei Tage Urlaub. Er übernahm mehr im Haushalt. Manchmal weinte auch er. Aber wir müssen auch an Gordula und Tim denken, sagte er. Dann vergrub er sich in die Arbeit. Manchmal redeten wir darüber. Die Arbeit half ihm, darüber hinweg zu kommen. Die Zeit verstrich und das Leben ging weiter. Du hast es gut, sagte ich ihm, du kommst hier raus. Ich konnte mich nicht ablenken. Dank der Therapie vernachlässigte ich meine täglichen Pflichten gegenüber den anderen beiden nicht zu sehr. Dann ging ich nicht mehr hin.

Manchmal überlegten wir, ob wir noch ein viertes Kind wollten. Vielleicht würde das helfen.

Dann hatte Martin Erfolg, man zeichnete ihn aus. Drei Unternehmen boten ihm gleichzeitig eine neue Stelle an. Von da an durfte er seinen Mitarbeiterstab selber bestimmen. Er verlagerte seinen Schwerpunkt noch mehr auf die Arbeit. Manchmal kommt er mit einem glücklichen Gesicht nach Hause.

Die Grillen im Friedhof sind laut. Ich höre sie von draussen.

Den Holzstapel an der Friedhofsmauer auf der Waldseite baue ich  so um, dass ich bequem über die Mauer steigen und hinunter springen kann. Wie komme ich wieder heraus?

Der Friedhof ist gross.

Eine Wiese, drei grosse Tannen. Ein Licht brennt, es flackert leise. Meine Schuhe knirschen im Kies.

Die Kindergräber umgehe ich.

Dann an der Kapelle vorbei. Die Urnengräber, eine lange Mauer, Lichter, eine zweite Reihe, ein Durchgang.

Eine liegende Frauenfigur auf dem Brunnen, der ich auch einmal noch helfen sollte. Aber heute ist der fliehende Jüngling dran, ich habe keine Zeit.

Einst waren wir uns fast ebenbürtig gewesen, Martin und ich. Wir hatten uns gegenseitig angespornt, manche verrückten Sachen miteinander gemacht. Das ist lange vorbei. Ich hatte seinen Argumenten nicht viel entgegenzusetzen, es klang vernünftig, mit drei kleinen Kindern ganz zu Hause zu bleiben. Nun bin ich draussen. Endgültig.

Vermutlich haben wir uns beide verändert.

Noch an dem grossen Feld Einzelgräber vorbei, da hinten ist er.

In der Dunkelheit ist er schwer zu erkennen.

Sein Gesicht ist nach hinten den Bäumen und Büschen zugewandt.  Von da scheint er die Verfolgung zu erwarten. Er hält die Hände schützend vor sein Gesicht.

Ich richte alle meine Gedanken auf ihn. Steige auf den Sockel. Ich habe knapp Platz neben ihm. Ich umfasse seinen Hals, seine Wange ist kalt. Ich nehme sein Gesicht in meine Hände, wärme seine Haut, sie lassen von dir ab, sie bleiben zurück, sie sind ungefährlich wie lästiges Geziefer, ich wiederhole, gebe meine ganze Seele. Langsam wird er weich in meinen Armen, beginnt sich zu entspannen. Wendet sich endlich mir zu, lächelt schwach, richtet sich etwas auf. Ich lasse ihn los. Er ist ein schöner junger Mann, der gerade einen Wettkampf gewonnen hat. Der Wind fährt in seinen Mantel, er winkt der Menge zu. Er strahlt.

Ich habe es geschafft, ein weiteres Mal.

Als ich herunter steige, merke ich, wie erschöpft ich bin. Langsam trete ich den Rückweg durch den Friedhof an. Als ich ein letztes Mal zurückschaue, scheint er leise zu winken. Ich bin glücklich. Er ist sie los, die Angst und die Verfolgung. Aber mein Rückweg ist weit. Wie Blei sind meine Beine, mein Rücken. Ich weiss nicht, wie ich das schaffe.

Ich schleppe ein Gitter für Grabkompost an die Mauer. Das Metall kreischt auf dem Weg. Es ist mir egal. Ich schaffe es über die Mauer.

Am Strassenrand ruhe ich aus.

Wie spät es wohl ist.

Ein Auto schreckt mich auf. Das Auto rollt langsam an mir vorbei. Nach einer Ewigkeit ist es weg.

Ich rechne mir aus: In einer halben Stunde sollte ich zu Hause sein. Vielleicht ist er wach geblieben. Ich hoffe es nicht. Ich hasse es, wenn er sich Sorgen macht.

Ich könnte ihm nichts sagen. Er würde mir nicht glauben. Dann würde er mich für verrückt halten. Ich weiss, was er tun würde. Und ich weiss, dass ich es tun muss. Ich muss üben. Nun habe ich im näheren und weiteren Umkreis schon fast alle erlöst.

Bis auf eine natürlich.

Sie stimmt nicht, die Figur.

Jan war nicht gross und schlaksig und verspielt. Er spielte nie mit Hölzern. Er nahm nie diese stolze, fast triumphierende Haltung ein. Aber es ist nicht die Schuld des Bildhauers. Auch nicht die Schuld Martins. Sie wussten es nicht besser.

Nun ist es an mir, die Dinge zu recht zu rücken.

Noch reicht die Kraft nicht. Noch muss ich üben.

Noch darf Martin nichts wissen. Wenn ich es geschafft habe, wird alles egal sein. Dann wird er verstehen. Aber noch muss er glauben, ich schlafwandle oder müsse in der Nacht an die frische Luft. Schlaflosigkeit kennt er auch. Und anfangs war ich nicht lange weg. Manchmal hat er nichts gemerkt.

Ich gehe den Weg zurück.

Durch die Seitenstrassen, an der befreiten Frau vorbei, am Jüngling auf dem hohen Sockel. An der Schule vorbei, endlich am Laden.

Es ist noch ruhiger geworden. Noch dunkler, scheint mir. Meine Beine sind schwer. Ich sehne mich nach dem Bett und nach Ruhe.

Laut fällt die Haustür ins Schloss.

Ich gehe die Treppen hoch, schleiche mich in die Wohnung. Als ich ins Bett schlüpfe, dreht Martin sich um und fragt mich, wo ich war. Auf dem Klo, antworte ich, und drehe mich auf die Seite.

Draussen beginnt es zu dämmern, es ist halb sechs.